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Kulturunterschiede zwischen Deutschland und Israel - Die Top 10

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Insgesamt habe ich drei Monate in Haifa gelebt – und wollte aus dieser Stadt am liebsten nie wieder weg. Dann kam die Corona-Krise und wir Freiwilligen wurden innerhalb von zwei Tagen überraschend aus Israel abgezogen, was für uns alle ein Schock war.
 
In diesen unglaublich tollen drei Monaten habe ich so nette Leute kennengelernt, so viel erlebt, und ich merke, dass ich von Tag zu Tag ein wenig mehr in Sprache und Kultur hineingewachsen bin. In den ersten Wochen hatte ich den Eindruck, dass Israel etwas orientalischer und religiöser ist als Mitteleuropa, die tatsächlichen Unterschiede der Kulturen waren für mich jedoch noch nicht richtig greifbar.
 
Je tiefer ich in das Land eingetaucht bin, desto mehr habe ich gemerkt, dass sich die israelische Mentalität in einigen Punkten doch sehr von der deutschen unterscheidet. Natürlich sind drei Monate im Rückblick keine lange Zeit, doch dadurch, dass ich mich auf einen sehr viel längeren Aufenthalt eingestellt hatte und mich mittlerweile in Haifa wirklich zuhause gefühlt habe, durfte ich doch die Kultur intensiv kennenlernen, sodass es nun wirklich komisch ist, zurück in Deutschland zu sein.
 
Daher hier die Top-10-Kulturunterschiede! Natürlich stereotypisiert diese Auflistung in zehn Punkten die israelische Bevölkerung in gewisser Weise, was der Vielfalt und dem multikulturellen Leben dieses Landes widerspricht. Deswegen ist es wichtig zu sehen:
 
a.) Diese Punkte sind teilweise nur auf bestimmte Untergruppen der Gesellschaft bezogen, da Israel eine so heterogene Gesellschaft ist, dass sie in vielen Punkten nicht einheitlich beschrieben werden kann.
b.) Die Aussagen entsprechen nur meiner subjektiven Beobachtung als immer noch in deutschen Maßstäben Denkende.
c.) Die Punkte werden keinesfalls jeder Person in der angesprochenen Gruppe gerecht, gerade in Israel gibt es durch das multikulturelle Leben viele Ausnahmen, auch innerhalb der einzelnen Bevölkerungsgruppen.
 

1. Horrende Preise

Ein heikles Thema, über das viele Horrorgeschichten kursieren, sind die horrenden Preise in Israel. Man bezahlt hier mit „Schekeln“, wobei ein Euro ca. 3,5 Schekel wert ist. Jedoch kann ein Liter Wasser gut und gerne mal acht Schekel kosten, eine Pizza vom Lieferdienst 100 Schekel, von Kleidung und Restaurants gar nicht zu reden. So wird plötzlich jeder Freiwillige beim Shoppen zum Schwaben. Bekommt jemand Besuch aus Deutschland, kann dieser nahezu einen Extrakoffer billiger deutscher Produkte für die gesamte Volunteer-Community einplanen. Doch durch die hohen Preise haben wir auch gelernt, sehr viel sparsamer zu leben – und haben grandiose Second-Hand-Shops entdeckt!
 

2. Tagesrhythmus und Nachtszene

Wie in vielen südlichen Ländern beginnt auch in Israel das gesellige Leben erst abends. Vor allem im Sommer ist dies durch die Hitze ausgeprägt: Mittags zieht sich jeder in sein Haus zur Mittagsruhe zurück, in der „Schlafstunde“ zwischen 14 und 16 Uhr darf kein Krach gemacht werden. Dafür sind bis spät abends auf der Straße spielende Kinder unterwegs, in den steinernen Gassen bilden sich gemütliche Nachbarschaftssitzkreise und natürlich schwärmen unzählige junge Erwachsene in Bars und zu anderen Treffen aus. Dieses Nachtleben schafft ein einzigartiges und angenehmes Flair. Gerade die Ausgehviertel, in deren engen Straßen sich unzählige kreative Bars aneinanderreihen, haben bei Nacht eine stimmungsvolle Atmosphäre - besonders, da es die warmen Temperaturen ermöglichen, noch bis spät in die Nacht draußen zu sitzen und das Leben zu genießen. Wir haben die Abende häufig im hippen Ausgehviertel „Downtown“ oder in der alternativen Barmeile „Masada Street“ in Haifa verbracht und die Chance genutzt, dabei viele neue Bekanntschaften zu machen.
 

3. Amerikanische Nachhaltigkeit

Viele Israelis fühlen sich zu Amerika hingezogen, auch hinsichtlich des Umweltbewusstseins. Während in Mitteleuropa immer mehr auf Biosiegel und Nachhaltigkeit geachtet wird, ist dies in Israel (außer in Tel Aviv, das als Hauptstadt des Veganismus gilt) kein großes Thema. Es wird viel Plastikmüll produziert, der Abfall wird nicht getrennt. Auf den Straßen sieht man viele von den typischen amerikanischen Trucks, deren Ökobilanz man gar nicht kennen möchte. Ob Tierprodukte in artgerechter Haltung produziert wurden, wird ebenfalls nicht angesprochen.
 

4. Vielfältige Küche

Schon bei einem kurzen Trip ins Heilige Land wird klar: Die Küche lässt sich nicht mit unseren Essensgewohnheiten vergleichen. Statt Fleisch mit Kartoffeln oder Spätzle stehen hier Gerichte von allerlei Kulturen auf dem Tisch, die das Land durch ihre Einwanderung geprägt haben. Dabei sind vor allem nahöstliche Klassiker wie Shakshuka (Tomatengericht mit Ei), Falafel (Kichererbsenbälle) und Hummus populär. An Straßenständen und auf Märkten bieten zahlreiche Händler ihre Gerichte unter freiem Himmel der Öffentlichkeit an – es geht nichts über „Knafeh“ (geschmolzener Käse in Zuckerfäden) auf einem orientalischen Basar!
 
Die Mahlzeit wird auch sehr viel mehr als Gruppenereignis betrachtet. Durch das Teilen von Soßen und Beilagen herrscht eine sehr gesellige und angenehme Atmosphäre am Tisch. Das einzige, woran ich mich auch nach einigen Wochen noch nicht gewöhnen konnte, ist das Frühstück: Es ist wirklich schwer, mit Salat und Thunfisch motiviert in den Tag zu starten.
 

5. Multikulturelles Leben

In Israel ist es nahezu eine Seltenheit, jemanden anzutreffen, der Hebräisch als Muttersprache spricht und keine bewegte Immigrationsgeschichte hinter sich hat. Allein in unserer Einrichtung sind nahezu alle Worker eingewandert: aus Venezuela, Uruguay, Großbritannien, zwei aus der Ukraine, Äthiopien, und so weiter. Weist man den Behörden die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion vor, so ist es sehr einfach, eine israelische Staatsangehörigkeit zu erlangen.
 
Da Israel ein Land mit sehr hohem Lebensstandard und guten Zukunftsperspektiven darstellt, das auf Einwanderer ausgerichtet ist, ist es für Juden aus aller Welt sehr attraktiv, nach Israel zu ziehen – gerade, wenn es im eigenen Land wenig Entwicklungsmöglichkeiten oder wachsenden Antisemitismus gibt. Identitätsstiftend ist in diesem Land also nicht die Herkunft, sondern die Religion. 
 
Neben den zahlreichen immigrierten Juden leben hier viele israelische Araber, die größtenteils auch die israelische Staatsangehörigkeit besitzen. In Haifa gehören 20% der Einwohner dieser Gruppe an. Zum Glück spielt dies in diesem Gebiet keine große Rolle, in unserer Einrichtung arbeiten Juden und Araber freundschaftlich und gleichgestellt miteinander und es herrscht eine total angenehme offene Arbeitsatmosphäre.
 
In vielen anderen Städten werden Araber jedoch diskriminiert und in benachteiligte Parallelgesellschaften abgeschoben, beispielsweise gibt es getrennte Schulen für die Bevölkerungsgruppen, wobei die arabischen Schulen finanziell stark benachteiligt werden. Eine arabische Freundin von mir, die aus Nazareth kommt und nun in Haifa studiert, meinte dazu: „Kannst du dir vorstellen, wie es ist, in keine Kultur so wirklich hineinzugehören? Immer zu merken, dass etwas zwischen dir und den Menschen um dich herum steht? Ich fühle mich nicht wohl in diesem Staat!“
 
Die arabische Kultur und Sprache ist in allen Teilen Israels wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens. So ist der Alltag geprägt vom Zusammenleben von Menschen mit verschiedenster Herkunft. Das beste Beispiel dafür ist, dass alle Straßenschilder, Ausstellungen und Informationstexte auf Hebräisch, Arabisch und Englisch übersetzt werden, um der multikulturellen Bevölkerung gerecht zu werden. Das hat auch für uns Volontäre den Alltag erleichtert.
 

6. Frauenbilder der Extreme

In Israel stoßen mehrere extreme Frauenbilder aufeinander. In einem Land, das von großer Religiosität geprägt ist, wird natürlich in vielen gläubigen Familien ein traditionelles Frauenbild vertreten. Dabei unterscheiden sich die Religionen nicht groß voneinander: Die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, während der Mann betet beziehungsweise für das Geld sorgt. Bei den ultraorthodoxen Juden beispielsweise soll der Mann sich theoretisch vollständig seiner Religion widmen, Frauen werden von dem Torastudium weitestgehend ausgeschlossen, dürfen nur in abgegrenzten Bereichen in der Synagoge beten und kümmern sich um die Belange der Familie. In den letzten Jahrzehnten gibt es jedoch immer mehr Bewegungen im Judentum, die eine Gleichstellung von Mann und Frau fordern.
 
Außerdem gehört ein Großteil der Israelis den säkularen Juden an, die größtenteils ein gleichberechtigtes Frauenbild vertreten. Im Gegensatz zu dem traditionellen Frauenbild der religiösen Gruppen steht, dass jüdische Frauen aus nicht orthodoxen Familien Wehrdienst ableisten müssen und bereits in ihrer Jugend auf die Rolle als Soldatin vorbereitet werden. Diese Frauen werden also sehr tough, selbstbewusst und gleichberechtigt zu Männern erzogen. Daneben ist gerade Tel Aviv für ein außerordentlich westliches und emanzipiertes Frauenbild bekannt, was ebenfalls einen großen Einfluss auf die Rolle der Frau in Israel nimmt.
 
Da Israel am Scheidepunkt zwischen Ost und West sowie zwischen einer modernen und traditionellen Gesellschaft steht, nehmen eine Vielzahl von Frauenbildern aus den verschiedensten kulturellen Gruppen Einfluss auf den Alltag und die Mentalität. So lässt sich das Frauenbild wie so vieles in Israel nicht genau definieren, eröffnet jedoch auf jeden Fall viele neue Perspektiven für mich.
 

7. Stellenwert der Familie

Was nahezu alle Gruppen verbindet, die hier in Israel leben, ist die Verbundenheit mit der Familie. In fast allen Religionen hat die Familie einen hohen Stellenwert. Gläubige feiern Zeremonien im Kreise ihrer Verwandten und ehren ihre Eltern. Gerade die arabische Kultur ist sehr familienorientiert. Frühes Heiraten und Kinderkriegen wird in dieser Gruppe häufig als erstrebenswert betrachtet, auf diese Weise entstehen große Verwandtschaftsverhältnisse. Kinder fühlen sich sehr eng mit ihrer Mutter verbunden, viele Söhne ziehen daher auch erst spät aus. Für uns wirkt es fast skurril, wenn dir ein 25-Jähriger in einer Bar erzählt, dass es sehr schwer gewesen für ihn gewesen wäre, vor einigen Monaten nach Haifa zu ziehen, da er vorher noch nie mehr als zwei Wochen von seiner Mutter und seinen zehn Geschwistern getrennt gewesen wäre.
 
In Deutschland wird eine enge Familienverbundenheit manchmal sogar belächelt, jeder kennt beispielsweise den Ausdruck „Muttersöhnchen“. Natürlich tragen zu diesem hohen Stellenwert der Familie in Israel auch Einwanderungserfahrungen bei, die viele Einwohner mit sich bringen. Verlust von Heimat und das Ankommen in einer neuen Kultur ist eine Extremsituation, die familiäre Beziehungen stark zusammenschweißt. Als ich letztens eine arabische Kollegin bei ihrer Nachtschicht besucht habe, haben wir uns über die Familienverbundenheit in unseren Kulturen unterhalten. Sie meinte: „In Deutschland ist es anders, Kinder sind häufig froh, auszuziehen, Verwandte sehen sich nicht oft. Einerseits ist es so schön, einen großen, sich nahestehenden Familienverbund zu haben, andererseits wird man in unserer Kultur auch später selbständig, wenn die Eltern einen erst später gehen lassen.“ 
 

8. Nationalstolz und Patriotismus

Für einen jüdischen Israeli gehört ausgeprägter Nationalstolz und Patriotismus zum guten Ton. Solidaritätsbekundungen und Nationalsymbole an jeder Ecke, Stolz auf den Staat und das Judentum. Natürlich liegt das in der Geschichte des Landes begründet. Wie lange haben die Juden in der Diaspora gelebt? Wie haben sie in den vergangenen Jahrhunderten gelitten? Nicht nur vor der Staatsgründung, sondern bis heute sind die Juden eine Gruppe, die immer wieder diskriminiert und angegriffen wird und sich stetig durch Kämpfe behaupten muss.
 
Da liegt es nahe, dass sie stolz sind auf die Gesellschaft, die sie trotz so viel Widerstand mit Mühen aufgebaut haben und mittlerweile eine der fortschrittlichsten der Welt ist. In Deutschland wird die Flagge höchstens zur WM aus dem Keller geholt, die israelische Flagge ist in diesem Land omnipräsent: Sie hängt in Läden, Straßen und Autos. Die bekanntesten Kinderlieder handeln von der Schönheit Israels, auch in der Schule werden Patriotismus und das Bewusstsein, das auserwählte Volk im auserwählten Land zu sein, gelehrt.
 
Dies ist für uns Deutsche völlig fremd – es gibt wenige Länder, bei denen Nationalstolz so verpönt ist wie bei uns. Natürlich liegt auch dies in der Geschichte begründet. Dieser Patriotismus führt zu einem großen Selbstbewusstsein als Teil des Landes – für viele Israelis ist der Staat sehr identitätsstiftend. Jedoch kann dies auch sehr gefährlich werden, wenn es beispielsweise um die Diskriminierung von Arabern geht. 
 
Die starke Definition über den Staat hängt sicherlich auch damit zusammen, dass das Land auf einer Religion basiert, was in gewisser Art und Weise identitätsstiftender als eine Herkunft ist. Starker Patriotismus bedeutet jedoch nicht, dass auch viele hinter der Politik des Landes stehen: Der Rechtsruck in der politischen Landschaft, der dritte Wahldurchgang dieses Jahres und Korruptionsvorwürfe haben zu einer großen Frustration -  vor allem der jungen Menschen - geführt und es wird viel Kritik an den Politikern geübt.
 

9. Ausgeprägter Militarismus

Israel befindet sich dauerhaft an mehreren Grenzen im Krieg. Eine Handyapp zeigt mir an, wenn es eine Raketenwarnung in einer Stadt gibt, manchmal habe ich 100 Warnungen in 24 Stunden bekommen, ohne dass mein Alltag in Haifa davon in irgendeiner Weise beeinflusst worden ist. Auch wenn das zivile Leben von der Sicherheitslage in den meisten Teilen Israels nicht besonders eingeschränkt wird, spürt man doch den hohen Stellenwert militärischer Stärke in der Gesellschaft.
 
Jeder Israeli muss zwei (Frauen) bzw. drei (Männer) Jahre seines Lebens im Militär dienen, die Schulen und Organisationen wie die Pfadfinder bereiten die Jugendlichen darauf vor. So gehören Soldat*innen auch zum alltäglichen Stadtbild: junge Erwachsene in unserem Alter, die in Uniform vom Dienst nach Hause fahren, viele von ihnen mit Gewehr in der Hand. Anfangs fand ich es noch etwas beklemmend, im öffentlichem Zug neben jemandem zu sitzen, der ein Maschinengewehr auf dem Schoß liegen hat, mittlerweile ist es zur Normalität geworden.
 
Hochrangige Militärmitglieder sind in der Gesellschaft hoch angesehen, es gibt sogar Militärinternate, die begabte Jugendliche auf eine Karriere in Führungspositionen der Armee vorbereiten. So ist die Armee gerade bei Menschen in unserem Alter ein großes Thema, das viel Zündstoff für Diskussionen bereithält. Einige Israelis sind dankbar, auf diese Weise dem Land dienen und ihrem Patriotismus Ausdruck verleihen zu können, andere finden es schrecklich, gezwungen zu werden, ihr Leben für das Land auf das Spiel zu setzen.
 

10. Sozialer Umgang

Auch wenn Freundschaften und Gruppen auf der ganzen Welt nach den gleichen Prinzipien funktionieren, gibt es im sozialen Umgang doch einige Unterschiede. Relativ schnell springt einem eine amerikanisch anmutende Eigenart ins Auge: Fragt man in Deutschland eine Person: „Wie geht es dir?“, so erwartet man eine vielleicht kurze, aber doch ernste Beantwortung der Frage. In Israel gehört diese Frage nahezu mit zur Begrüßung: „Schalom, ma nischma?“ Jedoch wird hierbei nur ein kurzes „Bessädär“ („Alles ok!“) oder „Tow“ („Gut!“) erwartet. Manche stellen auch diese Frage und bleiben nicht einmal stehen, um die Antwort zu hören, was ich anfangs immer sehr unhöflich fand, wenn ich gerade ausholen wollte, von meinem Tag zu erzählen. Diese Frage eignet sich hier also nicht für einen Einstieg in ein ausgiebigeres Gespräch.
 
Andere Unterschiede im sozialen Umgang werden erst nach längerem Aufenthalt tatsächlich klarer. Müsste ich die israelische Art beschreiben, so würde ich am ehesten „aufgeschlossen und direkt“ sagen. Zum einen kommt man auf der Straße sehr viel einfacher mit Leuten ins Gespräch. Man wird entspannt angesprochen und spricht selbst Leute an, die Menschen erzählen gerne von sich und ihrem Leben. Habe ich im Park Gitarre gespielt, sind häufig Kindergruppen zu mir gekommen und haben gefragt, ob sie mitsingen dürfen. Habe ich im Bus mit jemandem Deutsch gesprochen, hat sich die Nebensitzerin eingeklinkt und erzählte von ihrem Deutschlandurlaub vor drei Jahren. Ich liebe diese vertraute Atmosphäre, so offene Menschen habe ich selten erlebt! Es ist so angenehm, mit jedem Menschen auf der Straße ein ungezwungenes Gespräch beginnen zu können, ohne dass man komisch angeschaut wird – die Höflichkeitsdistanz fällt weg und das schafft Natürlichkeit und Gemeinschaft. 
 
Zum anderen ist das soziale Klima geprägt von Direktheit. Fassaden werden abgeworfen, jeder sagt offen, was er denkt, auch wenn dies wenig schmeichelhaft sein mag. Gerade auf der Arbeit herrscht häufig ein rauerer Umgangston als in Deutschland, Kritik wird selten vorsichtig formuliert, generell kann jedes Gespräch schnell aufbrausend werden. Am Anfang musste ich teilweise sehr schlucken, wenn ich etwas bei der Arbeit falsch gemacht habe und zurechtgewiesen wurde, mittlerweile habe ich mich aber an den Ton gewöhnt und weiß es auch sehr zu schätzen, dass niemand durch wohlgewählte Worte beschönigt, was er gerade denkt.
 
Denn laute Auseinandersetzungen, bei denen es in Deutschland schon um Leben und Tod gehen muss, sind hier keineswegs Beziehungskiller – es ist einfach ein temperamentvollerer Ausdruck der Gefühle und danach kann alles so weitergehen wie zuvor. Generell drücken die Menschen hier ihre Gefühle oft ungehemmter, lauter und extremer aus. Das macht die Atmosphäre ehrlicher und vertrauter – und irgendwie auch entspannter. 
 

Was ich mitnehme:

Die Eindrücke, die ich in dieser Zeit gewinnen durfte, haben mein tägliches Leben stark beeinflusst und mir völlig neue Sichtweisen auf die Gesellschaft und auch auf Deutschland eröffnet. Besonders die Tatsache, dass in Israel selbst eine Vielzahl von Kulturen aufeinander treffen, zwischen denen Unterschiede deutlich werden, hat dazu geführt, dass ich begonnen habe, sehr viele neue Blickwinkel zu sehen und meine alten Maßstäbe zu hinterfragen.
 
Vor allem die offene und direkte Art der Israelis hat mein Sozialleben sehr geprägt und ich hoffe, dass ich davon auch nach diesem Aufenthalt noch profitiere. Auch wenn ich nicht mit allen Ansichten Israels einer Meinung bin und einige Verhaltensweisen sicherlich nicht vermissen werde, überwiegen unglaublich gute und horizonterweiternde Erfahrungen und ich bin sehr dankbar, dass ich die letzten drei Monate in dieser Kultur leben und eine solch wunderbare Zeit verbringen durfte.

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