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Ein abruptes Ende

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Wenn mir vor zwei Wochen jemand gesagt hätte, dass ich diesen Artikel heute in freiwilliger Quarantäne von Heilbronn aus schreiben würde, so hätte ich denjenigen wohl ungläubig ausgelacht.

Seminar „Neue Aspekte der Shoa“

Heute vor zwei Wochen lebten wir noch einen vollkommen normalen Alltag. Wir trafen uns sogar  mit etwa 30 anderen Freiwilligen aus Deutschland zu einem dreitägigen Zwischenseminar mit dem Thema „Neue Aspekte der Shoa“. Dieses fand bei uns in Haifa statt und eröffnete uns durch mehrere Zeitzeugengespräche und Ausstellungsbesuche völlig andere Blickwinkel auf das grausame Regime der Nationalsozialisten. Eine sehr einprägsame Begegnung hatten wir beispielsweise mit einem orthodoxen Juden, der mit uns die Erfahrungen seiner Familie während der Judenverfolgung teilte und Probleme ansprach, an die wir bisher nie gedacht hatten.

Beispielsweise bestand ein großes Dilemma zwischen orthodoxem Handeln und dem Handeln im Krieg. Es ist verboten für einen orthodoxen Juden, Suizid zu begehen, doch der Kampf mit den Nazis endete sicher im Tod. Galt dieser also als Suizid und war somit verboten? Einen anderen Punkt, den er umriss, begründete die zunehmende Säkularisierung bzw. das Abwenden von den jüdischen Traditionen nach dem Zweiten Weltkrieg. Er erzählte uns die Geschichte seines Großvaters, der gezwungen wurde, an seinen Schläfenlocken einen Karren durch die Stadt zu ziehen.

Obwohl er den Holocaust überlebte und weiterhin sehr gläubig war, konnte er bis ins hohe Alter dieses typische Identitätsmerkmal des Judentums nicht mehr tragen, da ihn dies zu sehr an die grausame Zeit erinnerte. Auf diese Weise hat das Regime die Ausübung der jüdischen Religion tiefgreifend und generationenüberdauernd verändert.

Eine andere sehr prägende Erfahrung des Seminars war der Besuch eines Altenheims für Holocaust-Überlebende in Haifa. In dieser Einrichtung leben 80 Juden, die auf unterschiedlichsten Wegen in Europa den Nationalsozialismus überlebt haben. Es war eine unglaublich berührende Erfahrung, diesen Menschen zu begegnen, da viele von ihrer Vergangenheit gekennzeichnet waren, jeder von ihnen so viel Grausames erlebt hat – und die ganze Begegnung aber von einer ungeheuren Dankbarkeit geprägt war, dass wir als junge Deutsche uns mit ihrem Schicksal auseinander setzen wollen.

Ein Bewohner hat für uns ein Gedicht auf Hebräisch geschrieben, in dem er seine Freude ausgedrückt hat, dass wir das Altenheim besuchen – bei diesem emotionalen Vortrag blieb nahezu kein Auge trocken. Eine andere Bewohnerin erzählte uns von dem Familiengefühl innerhalb des Heims, das für viele sehr wichtig sei, da nahezu alle ihre Familie auf grausame Art und Weise verloren haben. In kleinen Gruppen unterhielten wir uns anschließend mit einigen Überlebenden – viele von ihnen sprachen Deutsch.

Für unsere Generation ist es unvorstellbar, welches Leid diese Menschen erfahren haben, so fern ist diese Grausamkeit von unserer aktuellen Lebensrealität. Wir können nur zuhören, solange es noch Menschen gibt, die diese Erfahrungen teilen können, und daraus Lehren für die Zukunft ziehen. Denn eine Frage wurde in jedem Gespräch, das wir in diesen drei Tagen geführt haben, gestellt – von dem orthodoxen, von den Holocaust-Überlebenden, von den Guides in verschiedenen Museen, von dem Chefredakteur einer großen Jerusalemer Tageszeitung: Wie kann es sein, dass nach den grauenhaften Ereignissen des letzten Jahrhunderts der Antisemitismus in Europa zurückkehrt? Wie kann es sein, dass populistische Vereinigungen die alten Parolen ungehindert wieder ins Leben rufen können? Und wir saßen da – als junge Deutsche – und konnten keine Antwort geben.

Das Seminar rundeten wir mit einem Ausflug nach „RoshHaNikra“ ab. Dies ist ein umwerfender Aussichtspunkt am nördlichsten Küstenabschnitt Israels. Er befindet sich auf einem idyllischen Felsen über dem Mittelmeer, von dem man eine gigantische Aussicht über den Norden Israels genießt. Als wir aus dem Bus ausstiegen war die Sonne gerade dabei, hinter dem wolkenlosen Horizont zu verschwinden, und tauchte das endlos scheinende Wasser in ein schimmerndes orange – ein fantastischer Augenblick! In unserem Rücken erstreckte sich die hohe Mauer zwischen dem Libanon und Israel. Wir liefen schließlich noch einige Minuten die Straße hinunter und gelangten zu einem schwer bewachten Tor – die Landesgrenze zwischen den beiden Ländern.

Beim Blick auf die Bucht unter uns sahen wir auch einige Kampfschiffe und sogar das leuchtende Periskop eines U-Boot, was für uns doch ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick war. Etwas mulmig wurde uns, als eins der Kampfschiffe sich plötzlich in Bewegung setzte, hinter dem Felsen im Libanon verschwand und zwei Minuten später ein großer Knall ertönte – doch das Boot war anscheinend nur gegen einen Stein gefahren. Steht man in diesen Grenzgebieten Israels, zwischen Soldaten und Betonmauern, so wird einem wieder klar, in was für einer schwierigen Sicherheitssituation das Land sich befindet – 40 km entfernt, in Haifa, ist diese Lage fast vergessen. 

Corona und Abbruch

Rückblickend war dieser Abend wohl der letzte, den wir in Normalität verbrachten. Natürlich war Corona zu diesem Zeitpunkt schon in Europa angekommen. Unsere Familien und Freunde zuhause sprachen von nichts anderem mehr, doch in Israel war der Virus noch nicht Teil der Lebensrealität, obwohl der Staat bereits hart durchgriff und alle Rückkehrer aus Asien und Europa in strenge Home-Quarantäne schickte. Dabei darf man die Wohnung nicht verlassen, was durch Handyortung und Kontaktüberprüfung kontrolliert wird, bei Verstoß drohen bis zu sechs Jahre Haft. 

Einen tatsächlichen Einschnitt in unsere Normalität erlebten wir jedoch erst am nächsten Tag – zweifach: Unsere Mitbewohnerin, die eine Woche bei ihren Eltern in Deutschland gewesen war, teilte uns mit, dass sie nach ihrer Ankunft am Flughafen direkt in Quarantäne geschickt worden wäre und nun 14 Tage die Wohnung ihres Freundes nicht verlassen dürfe, was für uns zu diesem Zeitpunkt noch völlig absurd erschien. Die zweite Nachricht, die uns von anderen Freiwilligen-WGs erreichte, erschien noch viel skurriler und schockierender: „Wurden heute aus unseren Einrichtungen geschmissen, da wir beim Seminar Kontakt zu Deutschen hatten, die kürzlich in Deutschland gewesen sind. Als wir nach dem Aufenthalt in Haifa zu unserer Einsatzstelle kamen, hatten diese bereits unsere Zimmer ausgeräumt und uns vor die Tür gesetzt.“ Wir waren total schockiert – wie kann so etwas passieren?

So kam es schließlich, dass etwa zwölf deutsche Freiwillige, die im Zuge des Seminars aus ihren Wohnungen und Arbeitsstellen geschmissen wurden, zu unseren Freunden in Haifa zogen, die alleine im großen Hostel des Beit-Rutenberg-Instituts wohnten und somit viele Zimmer frei hatten. Kurzum entstand also eine Art Quarantäne-WG, mit der wir in dieser Zeit noch sehr viele schöne Abende verbrachten. Am 9. März feierten wir noch mit unzähligen Leuten eine fantastische Purimparty – jüdischer Karneval – auf der Masada Street, unserer Lieblingsbarmeile. Ich habe selten so eine ausgelassene Feier erlebt – überall war Musik, jeder tanzte mit jedem, Kleinkünstler wie Feuerspucker und Schlangenmenschen zeigten ihr Können, es war eine gigantische Stimmung und wir haben viele Leute aus ganz Israel kennengelernt. 
In den nächsten Tagen merkte man, wie die Stimmung ernster wurde, obwohl es bisher nur sehr wenige Fälle im Land gab. Auch unsere Einrichtung traf harte Schutzvorkehrungen: Erst wurde jeglicher Besuch untersagt, dann wurde nach und nach jedes Programm, das außerhalb des Hauses stattfand, beendet.

Die friends hielten sich nun den ganzen Tag nur noch innerhalb der Einrichtung auf und wir versuchten in unseren Schichten so abwechslungsreiches Programm wie möglich auf die Beine zu stellen, damit sie aufgrund des Routinewechsels nicht  unruhig wurden. Unsere Chefin meinte, als wir sie fragten, was bei weiterer Ausbreitung passiert: „Wir arbeiten mit Menschen „with special needs“. Im Ernstfall werden alle Worker hier mit uns in die Einrichtung ziehen müssen und wir werden uns hier verbarrikadieren bis die Krise vorbei ist.“ Von einem auf den anderen Tag wagte sich auch niemand mehr auf die Straße ohne Mundschutz und Handschuhe – der Mentalitätswandel ging so schnell, dass es fast skurril erschien.

Eines Abends nahmen wir beispielsweise ein Taxi nach Hause. An unserer Sprache hörte der Fahrer natürlich, dass wir keine Israelis waren. Als wir ihm die Frage nach unserer Herkunft mit „Mi germania“ beantworteten, weiteten sich seine Augen vor Schreck und er ließ alle vier Fenster des Autos bis zum Anschlag nach unten mit der Ansage „Mit Deutschen fahre ich nicht mehr mit geschlossenen Fenstern.“ Auch auf der Straße machten die Menschen einen sehr weiten Bogen um uns, wenn sie uns Deutsch sprechen hörten. Schon als wir beim Seminar mit den anderen Freiwilligen in einem Restaurant waren, konnten wir an mehreren Nachbartischen die geflüsterten Wörter „Corona“ und „germanit“ vernehmen.

Am Dienstag, 17. März, kam dann eine Mail vom Deutschen Roten Kreuz, unserer Entsendeorganisation, dass sich die Lage verschärft hätte und es nicht mehr verantworten könnte, dass wir weiterhin in Israel blieben – wir hätten uns unverzüglich einen Flug zu suchen und zurückzukehren, solange es noch Flüge gäbe. Wir waren fassungslos – natürlich, Corona hatte sich zu einer ernsten Krise entwickelt, doch war es wirklich notwendig, deswegen unseren Auslandsaufenthalt abzubrechen? Und das, wo wir uns mittlerweile so zuhause in Haifa fühlten? Im Nachhinein: Ja! Zu diesem Zeitpunkt waren wir da noch ganz anderer Meinung und konnten es nicht glauben, einfach kurzerhand aus dieser Welt herausgerissen zu werden, so machtlos, irgendetwas zu tun.

Wir mussten uns beeilen, noch Flüge zu finden, denn immer mehr Fluggesellschaften stellten ihren Verkehr ein. Plötzlich bekamen wir auch Mails von der Deutschen Botschaft, wir sollten uns umgehend Flüge suchen, sonst könnten sie uns nicht mehr garantieren, dass wir die nächsten Monate nach Hause kämen. Es erschien alles so surreal, wir hatten keinerlei Zeit gehabt, uns darauf einzustellen und mussten nun fluchtartig dieses Land verlassen. Während die Organisation meiner Mitbewohnerin für die ganze Gruppe einen Flug am Donnerstag buchte, mussten wir uns selbst Flüge suchen, was ziemlich nervenaufreibend war. Ich buchte schließlich einen Flug bei KLM über Amsterdam am Freitag – Direktflüge gab es quasi nicht mehr, Alternativrouten hätte es nur noch über Athen oder Istanbul gegeben. So mussten wir innerhalb von zwei Tagen alles in dieser Welt abbrechen. Die letzten Stunden nutzten wir, um uns noch möglichst von allen zu verabschieden, zu packen und zumindest den gröbsten Schmutz aus der WG zu entfernen – dann brachen wir alle nacheinander auf, wobei wir noch nicht ganz realisiert hatten, dass wir nun wirklich auf unbestimmte Zeit dieses Land verlassen mussten.

Ich startete mitten in der Nacht mit einem Taxi zum Flughafen, meine Freunde waren alle bereits vorher geflogen und schon wieder in Deutschland. Den letzten Abend verbrachte ich mit einigen Workern, die die letzten Stunden noch ausnutzen wollten, bevor um Mitternacht eine totale Ausgangssperre in Haifa begann. Es war ein wirklich lustiger Abend und ein schöner Abschluss meiner Zeit in Israel, was ich in der Situation nicht für möglich gehalten hätte. Mit meinem Flug ging zum Glück alles gut, ich hatte davor schon ziemlich Sorge, dass das Flugzeug nicht starten würde, denn dann hätte ich tatsächlich ein großes Problem gehabt. Andere Freiwillige hatten jedoch größere Probleme nach Deutschland zu kommen. Einer Freiwilligen wurden mehrere ihrer gebuchten Flüge gecancelt, sie überlegte schon, in Israel zu bleiben und auf einen eventuellen Rückholflug der Regierung zu warten, als sie durch Zufall den Flug von einem anderen Freiwilligen geschenkt bekam.

Eine andere WG hatte Probleme, nach Beginn der Ausgangssperre von Jerusalem nach Tel Aviv zu kommen, zum Glück half ein Pfarrer und brachte alle nachts mit dem Auto zum Flughafen, obwohl eigentlich nur noch zwei Leute auf einmal in einem Fahrzeug erlaubt waren. Freitagmittag erreichte ich den Frankfurter Flughafen – völlig fertig nach zwei durchgemachten Nächten und 14 Stunden unter einer Atemmaske, aber erleichtert, Deutschland trotz so vielen gestrichenen Flügen noch erreicht zu haben. Nun befinde ich mich für zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne nach dem Aufenthalt an drei Flughäfen. 

Es fühlt sich komisch an, wieder hier zu sein, verstärkt dadurch, dass wir uns nicht darauf einstellen konnten und sich die ganze Welt im Ausnahmezustand befindet. Es ist, als wäre ich aus einer Parallelwelt zurückgebeamt worden in eine Box, in der sich nichts verändert hat – nur ich. Mit dem Kopf bin ich noch in Israel, denke viel an die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte. Es war wirklich eine wunderbare Zeit! 

Sollte sich die Lage in einigen Monaten entspannen, können wir wieder nach Israel fliegen und unsere Arbeit dort wieder aufnehmen, doch nun müssen wir uns erstmal damit abfinden, wieder hier zu sein. Und hey, eins habe ich auf jeden Fall aus den letzten drei Wochen gelernt: Immer den Moment genießen, denn keiner weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt.


Schalom, Charlotte!

 

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