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Viel Zeit nach dem Abi

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Morgens um sieben in Deutschland: Alles ist ruhig, bis  - ja, bis ein Poltern auf der Treppe die Stille durchbricht. Auf einmal geht alles ziemlich schnell. Es klappert in der Küche, die fieberhafte Jagd nach Schuhen und Schlüsseln tobt durch das ganze Haus. Geplätscher und Gekicher tönt aus dem Bad. Und dann? Dann schlägt die Haustür zu, Schritte und Gelächter verklingen in der Ferne. Der Ansturm ist vorüber - und ich? Ich liege im Bett und drehe mich noch einmal auf die andere Seite.

 

Freie Tage en masse

Dabei war ich vor gar nicht allzu langer Zeit doch auch noch dabei – beim Sprinten zur Bushaltestelle, bei mehr oder weniger kommunikativen ersten morgendlichen Treffen mit jahrelangen Nebensitzern und beim Organisieren von nicht gemachten Hausaufgaben. Einfach beim Schüler-Sein.



Irgendwie ein seltsames Gefühl, so plötzlich (sofern man nach 13 Jahren überhaupt von "plötzlich" sprechen kann) nicht mehr dazuzugehören. Man möchte fast wehmütig werden. Aber eben nur fast. Denn zwei Stunden nach der morgendlichen Invasion betrete ich ein völlig freies Bad, habe nach Jahren Zeit für die "Zeit", ein ausgedehntes Frühstück und einen luxuriös freien Tag in Aussicht. Genauso wie gestern. Und vorgestern. Und morgen. Und übermorgen. Und meine ganze Zukunft lang, wenn ich mich nicht rechtzeitig um meinen Studienplatz bemühe. Und wenn ich keine Wohnung finde. Immerhin hab' ich schon einen Plan. Das ist doch auch schon was.

 

Alles wird gut!

Leider ist aus der Weltreise, die ich in der fünften Klasse für "nach dem Abi" geplant hatte, nichts geworden. Damals war mir der Inhalt meines Sparschweines ausreichend erschienen. Inzwischen habe ich dafür ein Eis gegessen. Postkarten von In-der-Welt-verteilten-Freunden bekommen ist ja auch schön. Aus Neuseeland und Peru. Selbst von der Ostsee. Wie die Briefe von Felix. Und die meisten bleiben ja hier und sind genauso ziellos wie ich. Na ja, oder zumindest manche. Oder auch nur ganz wenige ohne BA-Stelle oder Ausbildungsstelle, Zivildienst, Studienplatz, Freiwilliges Soziales Jahr oder auch nur ohne vage Vorstellung von dem, was kommen mag. 



Immerhin bin ich mit der panischen Angst vor dem Verdummen nicht allein. Regelrechte Pilgerreisen zur Bibliothek scheinen die, die die Schule eigentlich schon verlassen haben, zu unternehmen. Nur aus Angst, jetzt plötzlich sämtlich mühsam eingetrichtertes Wissen mit einem Schlag zu verlieren. Jetzt sitze ich hier also. Lese Homer, was ich meine ganze Schulzeit hindurch nie getan habe, aus Angst, das, was mir die Schule beigebracht hat, zu vergessen. Die Schule, auf deren Ende ich mich so unglaublich gefreut habe. Aus Angst, vielleicht in der Zukunft keinen Job zu finden. Weil ich keinen Studienplatz bekommen habe. Um den ich mich jetzt kümmern müsste.



Jetzt mach aber mal einen Punkt! Schau mal raus. Die Sonne scheint. Du wolltest Gitarre lernen und Baseball. Mit der Bahn quer durch Deutschland touren und  einfach Spaß haben. Eine Wohnung zu finden ist gar nicht so schwierig. Wohnheime gibt es auch noch. Studieren oder eine Ausbildung machen kann man an vielen Orten. Zur Finanzierung gibt es verschiedene Möglichkeiten. E-Mails machen auch auf die Entfernung noch Kontakte möglich. Und neue Freunde findet man doch auch. Alles wird gut!

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