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Kafka - ist das der von MTV?

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Die Lehrer zwingen uns oft Bücher wie "Effi Briest", "Der Prozess" oder "Michael Kohlhaas" zu lesen. Schriftsteller wie Fontane, Kafka oder Kleist haben uns diese schweren Brocken beschert. Unverständlich, unlogisch, unlesbar sind die häufigsten Adjektive, die Schüler mit der alten Literatur in Verbindung bringen. Sie bevorzugen eher Romane oder Fantasiegeschichten wie Harry Potter oder die momentan so beliebte Biss-Reihe.

 

Feuchtgebiete contra Ödipus

Sehr gut kam auch Feuchtgebiete der umstrittenen Autorin Charlotte Roche an. Mit ihrem provokanten Schreibstil und den obszönen Beschreibungen von diversen Sexpraktiken der Protagonisten war sie umstritten. Und erfolgreich. Monatelang verweilte sie auf den Bestsellerlisten am Platz an der Sonne. Unter vielen Jugendlichen galt ihr Buch als eine Art Revolution. Als etwas noch nie dagewesenes. Doch da liegen sie falsch.

 

Wenn man einmal die alten Klassiker der Literaturgeschichte ein wenig näher betrachtet, stellt man fest, wie viel Sex doch darin steckte. Eins der bekanntesten Beispiele ist der Ödipusfall. Das Inzestbuch schlechthin. Die Mutter verkehrt mit dem eigenen Sohn, der Sohn bringt den Vater um, die Mutter begeht einen Suizid. Klingt doch irgendwie gar nicht nach dem, was weitläufig über die "alten Schinken" gedacht wird, oder? Andere Autoren schreiben über die wilden Sexaffären im 18.  und 19. Jahrhundert zwischen Minderjährigen oder ihren Mätressen. Detailliert werden hier die einzelnen Praktiken beschrieben. Mehr noch als bei Charlotte Roche.

 

Deutsche Sprache als Hindernis

Vorallem die Sprache der beiden Generationen unterscheidet sich natürlich erheblich. Heutzutage rückt die Jugendsprache immer mehr in den Vordergrund. Wörter wie "googeln", "chillen" oder "geil" finden sich nicht nur im Sprachgebrauch, sondern auch in der neuen Art der Literatur wieder. Was früher "recharchieren", "entspannen" oder noch viel später und in höheren Kreisen, "der Trieb der Fleischeslust" genannt wurde, gilt heute als altbacken und konservativ. Die meisten Fremdwörter werden auch nicht mehr verstanden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele junge Menschen einen großen Bogen um Texte wie "Michael Kohlhaas" machen.



Sätze, die sich über mehrere Zeilen erstrecken, deren Sinn sich erst nach mehrmaligem lesen offenbart, und dazu noch diese alten Wörter? Warum kompliziert, wenn's auch einfach geht! Anglizismen, Ausdrücke, kurze, abgehackte, prägnante Sätze, wie "Seitdem ich denken kann, habe ich Hämorriden" fesseln vorallem junge Leser. Dieser Einleitungssatz zeigt schonmal die Richtung, in welche das Buch verlaufen wird. Doch auch Texte wie Kafkas "Verwandlung" haben fesselnde Einleitungssätze: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Für Leute, die mit Zauberern und Vampiren nichts anfängen können, da es ihnen "zu weit hergeholt" ist, werden natürlich keinen Spaß an surrealen Metamorphosen von Mensch zu Käfer haben. Wer aber Lust auf Abwechslung hat, kommt an Kafka nicht vorbei.

 

Große Schätze der Literatur

Es muss auch nicht immer ein Käfer sein. Auch ein verrückter Trip durch Amerika (der Verschollene) weist heute noch Parallelen zur jetzigen Situation in den USA auf. Roadtripbücher, die zwar für den Moment ganz unterhaltsam sind, aber in Sachen Sprache, Inhalt und Niveau nicht wirklich überzeugen können, werden leider viel zu häufig guten, kritischen und geistreichen Texten vorgezogen. Die "Angst" vor den klassichen Texten ist zu groß. Die Schule kann lediglich vermitteln und näherbringen. Aber die wahren Schätze findet man oft selbst, wenn man sich ein bisschen mit den ganz Großen in der Literatur beschäftigt.

 

Für zwischendurch sind die altbekannten Romane, die jeder gelesen hat, natürlich tauglich, aber verglichen mit dem Niveau und der Klasse von früher liegen sie weit zurück. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, was einem  gefällt, aber die alte Literatur hat ebenso Spannung, Action und Sex inne wie die neue. Man muss sich nur einmal überwinden, in ein solches Buch reinzuschauen. Es lohnt sich definitiv.

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