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Gedanken zum Tag der deutschen Einheit

Übersicht

Nach der Wahlparty am 24. September war ich nun also auch zu einem Empfang anlässlich des Tages der deutschen Einheit nach Chisinau eingeladen. Da in der edlen Einladung ein schickes Restaurant vermerkt war, schloss ich auf ein gutes Abendessen im Kreis der sich aktuell in Moldawien befindenden deutschsprachigen Leute. Mit einem von glitzernden Kronleuchtern verzierten Saal und dem moldauischen Präsidenten als Ehrengast hatte ich eher weniger gerechnet. Aber gut, übertroffene Erwartungen sind schließlich etwas Positives. Durch den gegebenen Rahmen stiegen auch meine Erwartungen an das Programm und die Rede der Botschafterin.

25 Jahre deutsch-moldauische Beziehungen

Nach Erklingen der deutschen Nationalhymne begrüßte diese den gut gefüllten Saal mit dem diesjährigen Motto des Feiertages und ein paar kurzen Worten dazu. Doch an diesem Abend sollten nicht nur die deutsche Einigkeit, sondern auch 25 Jahren diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und der Republik Moldau ein Anlass zum Feiern sein. Vordergründig ging es, unterstützt durch einen kurzen Film, um die bisherige und weitere Zusammenarbeit der beiden Staaten. So sicherte die Botschafterin Moldawien weiterhin die Hilfe Deutschlands zu, unter Anderem dabei sich der Europäischen Union anzunähern. Der anwesende Präsident Igor Dodon bedankte sich für die Zusammenarbeit und betonte, dass er das sehr zu schätzen wisse. Das klingt doch alles ganz super. Oder nicht?

Pro-Russland oder Pro-Europa?

Es ist schwierig die Politik in einem Land zu verstehen, in dem man nicht aufgewachsen ist oder schon seit längerer Zeit wohnt. Aus diesem Grund habe ich einige Berichte darüber gelesen, mich aber vor allem mit vielen Einheimischen darüber unterhalten. Ein paar Aussagen finden sich immer wieder und geben damit ein bisschen Aufschluss über die dortigen Verhältnisse. So stehen sich aktuell eine pro-europäische Regierung und ein eher pro-russisch gesinnter Präsident gegenüber. Doch auch dieser sitzt, wie eine Deutschlehrerin hier so schön sagte, "zwischen zwei Stühlen“. Zum Einen möchte er die Verbindungen nach Russland wieder verstärken, zum Anderen stellt gerade Deutschland einen der wichtigsten Handelspartner der Republik Moldau dar.

Diese Unstimmigkeit zieht sich auch durch die Bevölkerung. Mit 52,3 % der Stimmen gewann Dodon Ende 2016 knapp die Wahl gegen die pro-europäische Kandidatin. In meinen Gesprächen ist mir außerdem die Korruption des Öfteren begegnet. Viele Politiker scheinen sich in ihre Stellung eingekauft zu haben, oftmals ohne passende Ausbildung und genauso oft mit den "richtigen“ Verwandtschaftsverhältnissen. Wie man teilweise mit den eigenen Augen sehen kann, landen nur wenige Gelder wieder bei der Bevölkerung. Kaputte Straßen, nicht ausreichend bezahlte staatliche Jobs und generell schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind für mich hier die offensichtlichsten Indizien. Gerade in "meiner“ Stadt Balti stehen viele Firmengebäude leer. Die hier ansässigen deutschen und österreichischen Arbeitgeber Knauf, Gebauer & Griller und Dräxlmeier gehören zu den wenigen gebliebenen Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie. Aber zurück zum Tag der deutschen Einheit.

Metaphorische Mauern

Als ich mir am Morgen nach dem Empfang Franck-Walter Steinmeiers Rede zum Fall der Mauer durchgelesen habe, hat mich eine Aussage besonders angesprochen: "Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen "Wir“ im Weg stehen“. Dieser Satz trifft die politische sowie gesellschaftliche Situation in Deutschland, die vor allem durch die aktuellen Wahlen noch deutlicher wurde, wie die Faust auf's Auge. Eine neue Mauer scheint sich Schritt für die Schritt in den Köpfen der Bevölkerung aufzubauen und die Menschen voneinander zu trennen. Egoismus und Verständnislosigkeit stehen den meisten Leuten zu einem friedlichen Umgang miteinander im Weg.

Grenzen zu überwinden ist alles andere als einfach, doch sich dafür anzustrengen lohnt sich. Mein persönlicher Schritt aus meinem Zuhause heraus in ein fremdes Land hat eine riesige Mauer fallen lassen, gebaut aus Ängsten, Vorurteilen und Zweifeln. Welch‘ schöne Vorstellung wäre es, wenn sich jeder Mensch in Deutschland oder auch hier in Moldawien diesen Satz zu Herzen nehmen würde. Wenn jeder den Versuch starten würde, eine Mauer in seinem Umfeld zu überwinden und dafür neue Erkenntnisse und mehr Miteinander zu erlangen. Ein bisschen wünsche ich mir ein Teil von Steinmeiers Rede wäre auch bei diesem Empfang eingespielt worden. Denn auch in diesem Raum und unter den dort anwesenden Personen standen metaphorische Mauern. Grenzen zwischen Personengruppen, politischen Ansichten und Machtverhältnissen. Ich nehme von diesem Abend guten Wein, leckeres Essen und interessante Gespräche mit – aber vor allem den Wunsch nach mehr Einheitsgefühl in den Köpfen der Menschen. Denn das sind wir schließlich alle, oder? Menschen.

 

 

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