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Im Wald das Glück gefunden

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"Ich habe Muskeln bekommen und brauche nicht mehr ins Fitnessstudio", sagt Tobias Jung über seine Ausbildung. "Im ersten Lehrjahr war es besonders anstrengend." Dafür hat Jung wohl einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt: den Wald. Der 18-Jährige aus Eberstadt macht im landeseigenen Forstrevier Stollenhof bei Wüstenrot eine Ausbildung zum Forstwirt und kommt jetzt ins dritte Lehrjahr. "Wir arbeiten zu 90 Prozent an der frischen Luft. Das macht mich sehr glücklich", sagt der naturverbundene Tobias Jung. 

Die vielfältigen Aufgaben in der Natur richten sich nach dem Rhythmus der Jahreszeiten: Pflanzen im Frühling, Bestandspflege im Sommer, im Herbst die Holzernte mit der wohl bekanntesten Aufgabe der Forstwirte: dem Baumfällen. Im Winter dann die Holzsortierung für den Verkauf.
Einen kleinen Teil der handwerklichen Arbeit erledigen die Auszubildenden in der Werkstatt. Dazu gehört die Maschinen- und Gerätewartung, vor allem das tägliche Pflegen der Motorsäge. Außerdem bearbeiten Forstwirte das Holz zu Wegschildern oder Erholungseinrichtungen wie Grillhütten. Büro- und PC-Arbeit? Haben Forstwirte so gut wie nie.

Aufgaben

Im Wald macht sich Tobias Jung, mit Hörschutz, Helm und Motorsäge ausgestattet, an das Gestrüpp. Jungbestandspflege ist seine Lieblingsaufgabe. Den Wald für die Zukunft rüsten. Kranke oder arg krumme Bäume und Konkurrenzpflanzen werden entfernt. Gefördert werden junge Bäume mit Eigenschaften, die sowohl ökologisch als auch ökonomisch den Forstbestand sichern können. 

Das Nachhaltigkeitsprinzip stammt aus der Forstwirtschaft. "Wir pflanzen mehr an, als wir für die Holzproduktion fällen", sagt Klaus Ulrich. Auch Naturschutz sei eine Aufgabe des Berufs, etwa die Feuchtgebiete zu pflegen. Ulrich, Leiter des forstlichen Hauptstützpunktes Stollenhof, arbeitet seit 1982 im Revier. So eine trockene Hitze wie seit 2018 habe er noch nicht erlebt. Der Klimawandel stellt Waldarbeiter vor immense Herausforderungen: Der Borkenkäfer, der sich im trockenen Holz extrem vermehrt, sei eine Plage, sagt der Forstwirtsmeister und Koordinator der Ausbildung, Andreas Winkler. Viele vom Schädling durchlöcherte Fichten müssten von den Forstwirten und den Azubis gefällt werden, um den Wald vor einer Vermehrung des Käfers zu schützen. "Im Frühjahr pflanzen wir viel nach." Zur Hälfte ist der Wald in der Region Eigentum der Kommunen, der andere Teil gehört privaten Besitzern und der Stadt Heilbronn. 5500 Hektar Wald bewirtschaftet das Revier Stollenhof, die einzige Ausbildungsstätte im Landkreis.

"Viele wissen gar nicht, dass es den Beruf Forstwirt gibt", stellt Förster Ulrich immer wieder auf Bildungsmessen fest. Tobias Jung hat vor seiner Ausbildung ein einwöchiges Praktikum beim Forstrevier gemacht. "Man kann aber auch nur mal einen Tag in den Beruf schnuppern," sagt Ulrich. Schnuppern im wahrsten Sinne des Wortes: Der Duft von Nadeln, Laub und Harz begleitet die Arbeit von Forstwirten täglich. Was für viele Auszubildenden völliges Neuland sei, wie Ulrich sagt, ist eine weitere Aufgabe der Forstwirte: Die Mithilfe bei bis zu vier Treibjagden im Jahr.
Die Jobchancen sind blendend, Forstwirte werden dringend gesucht. Die Ausbildung kann als Sprungbrett für ein Försterstudium dienen oder nach einer Berufspraxis zum Forstwirtschaftsmeister erweitert werden.

Nachwuchs

Unter den vier Azubis sind drei Männer und die 26-jährige Lisa Kraus aus Mosbach. Sie beobachtet: "Der Frauenanteil der Auszubildenden wächst." Förster Ulrich freut sich über den weiblichen Nachwuchs und hat Respekt davor: "Der Beruf ist körperlich sehr anspruchsvoll." Die Steilhänge in den Löwensteiner Bergen machen die Arbeit nicht leichter. "Forstwirte verzeichnen die höchsten Unfallraten." Die Ausrüstung wiegt bis zu 30 Kilogramm: Motorsäge, bepackter Werkzeuggürtel und natürlich die knallorange Schutzkleidung zählen zum Equipment, das Waldarbeiter bei sich haben. So ist der schwere Job mit den Bäumen auch vor allem Teamarbeit: Forstwirte sind im Wald mindestens zu dritt unterwegs. Was Tobias Jung besonders an seinem Beruf mag? "Man sieht oft nur einmal am Tag den Chef. Wir fühlen uns frei, entscheiden sehr vieles selbst." 

Nicht nur Tobias Jung hat seinen Traumjob gefunden. Auch Philipp Wadner hält sein Studium für einen Glücksgriff. Wir berichten hier.

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