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Überwachen und Vorbild sein

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Gesichert ist hier auch die Arbeitszeit: Um 5.48 Uhr beginnt die Frühschicht von Jessica in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heilbronn. Die 25-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz macht eine Ausbildung als Justizvollzugsbeamtin. „Gefangene betreuen, versorgen und beaufsichtigen“, fasst sie ihre wichtigsten Tätigkeiten zusammen. „Punkt 6 Uhr ist Lebendkontrolle. Wir schauen, ob es dem Häftling in der Zelle gut geht.“ Dann bringt Jessica die Insassen zu ihren Arbeitsstätten – etwa in die Schreinerei oder Bäckerei.
 
Zimmerkontrolle, Essensausgabe und Besucherkontrolle folgen. JVA-Beamte und Anwärter wie die 25-Jährige überwachen den Hofgang, begleiten die Häftlinge zu Freizeitaktivitäten wie zum Tischtennis oder zur Gesprächsgruppe. Auch Bürotätigkeiten gehören zur Arbeit der Strafvollzugsbediensteten. Sie pflegen die Gefangenenakten, arbeiten eng mit Gerichten und der Staatsanwaltschaft zusammen.
 
Mit Jessika hat im April 2019 auch Denis, der wie Jessica seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht nennen möchte, die Ausbildung begonnen. Der breite 30-Jährige wirkt fast doppelt so groß wie seine Kollegin. Jessica kommt als junge Frau in einem Männergefängnis nach eigenen Angaben aber sehr gut klar. Mehr Frauen als früher wählen diesen verantwortungsvollen und körperlich anspruchsvollen Beruf: Unter den 13 Auszubildenden sind vier Frauen, von den derzeit 129 JVA-Beamten sind 23 weiblich. Die Justiz-Mitarbeiter betreuen etwa 340 (Stand 2018) Gefangene, die von sechs Monaten bis lebenslänglich in Haft sind, rund um die Uhr.

Häftlinge sprechen offener über ihre Probleme

Bisweilen beobachtet Jessica, dass Häftlinge mit ihr offener über Probleme sprechen können als mit männlichen Kollegen. „Ganz ohne Männer mit viel Körperkraft geht es in diesem Beruf aber nicht“, sagt Ausbildungsleiter Markus Scholl, auch wenn die meisten Konflikte durch deeskalierende Gespräche lösbar seien. Jessica erlebte bisher nur einmal, dass Insassen untereinander gewalttätig wurden.

Berufs- und Lebenserfahrung sind Voraussetzung  

Psychische Stabilität sei neben Teamfähigkeit eine der wichtigsten Eigenschaften für den Beruf, sagt sie. Ihre Kollegen pflichten ihr bei. Deshalb legt die JVA Heilbronn auch explizit auf Berufs- und Lebenserfahrung wert. „Wenn man zu jung ist,“ findet Jessica, „fehlt meist das nötige Durchsetzungsvermögen.“ Sie hat sieben Jahre als zahnmedizinische Angestellte gearbeitet, Denis in der Bank, bildete dort selbst Leute aus. Vor allem gefällt ihm hier die abwechslungsreiche Arbeit mit Menschen. Gleichzeitig muss ein Beamter, der täglich mit Häftlingen zu tun hat, Distanz wahren, darf nicht zuviel Empathie aufbringen, sagt Sicherheitsbeauftragter Marco Ockert. Dennoch sei es wichtig, „Mensch zu bleiben in Uniform“, sagt Scholl.
 
Azubi Denis ist wichtig, „kein Rambo zu sein, sondern Vorbild für die Gefangenen“. Denn das Hauptziel des Strafvollzugs ist die Resozialisierung der Gefangenen und ein rechtschaffenes Leben in Freiheit. Alexander Thiel sagt deshalb: „Wir sind ihre Wegbegleiter bis zur Entlassung.“

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