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Deutschlands coolste Denkfabrik

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Fotopapier? Für viele der jungen Leute, die in der Factory an der Zukunft basteln, ist das ein völlig veraltetes Produkt. Doch genau das wurde in dem denkmalgeschützten Gebäude in Berlin einst produziert. Direkt am einstigen Todesstreifen steht das Gebäude auf historischem Boden. Heute geht es dort um ganz andere Grenzen, die überwunden werden sollen: Das alte Agfa-Werk ist vergangenes Jahr von der Factory Works GmbH übernommen und umgebaut worden in einen gigantischen Abenteuerspielplatz für Unternehmensgründer.

Eines der größten Startup-Zentren Europas

Der Campus gilt als eines der größten Startup-Zentren Europas und ist einer der Orte, an denen sich die neue Arbeitswelt am besten beobachten lässt. Feste Schreibtische oder gar Büros gibt es in dem 14.000 Quadratmeter großen Gebäudekomplex nicht, dafür das größte Bällebad der Hauptstadt, einen Yoga-Raum, Tischtennisplatten, einen Kicker und außergewöhnliche Sitzgelegenheiten. Da wurde schon einmal ein großer Müllcontainer zum Sessel umgebaut.

Auf den Kopf gestellt

Ein Mülleimer als Sessel? Wer das Arbeitsleben in einer normalen Fabrik oder in einem normalen Büro gewohnt ist, reibt sich verwundert die Augen. Nicht nur deswegen: Viele Regeln sind dort einfach auf den Kopf gestellt. "In der Kantine gibt es keinen Veggieday“, erzählt Matthias Brendel beim Rundgang durchs Gebäude. "Dort gibt es einen Fleischtag.“

Kein Parkhaus dafür Fahrräder

Als Bevormundung scheint das aber niemand wahrzunehmen. Ebenso wenig stört, dass es für die bis zu 2.000 Menschen, die in der Lohmühlenstraße 65 arbeiten, kein Parkhaus gibt. Fahrräder in allen Farben und Formen stehen dafür vor der Tür. Dass mitten in der deutschen Hauptstadt Englisch die Umgangssprache ist, stört niemanden: Berlin ist eine Gründerstadt von internationalem Rang. 17 Prozent aller Startups in Deutschland sitzen laut Startup-Monitor innerhalb des S-Bahn-Rings. Mehr als in ganz Baden-Württemberg.

Kontakte knüpfen

Wichtiger als die Sprache und die bunten Möbel sind in der Arbeitswelt der Zukunft aber andere Dinge: Kontakte, die über den eigenen Schreibtisch hinaus reichen. Menschen, die man einfach etwas fragen kann, egal, ob sie in der gleichen Firma arbeiten. Und die Freunde werden. Anfangs kostet das viel Überwindung. "Da kommt man aus seiner Komfortzone raus“, sagt Petra Haverkamp, die normalerweise bei Audi in Neckarsulm ist, ihren Arbeitsplatz aber für sechs Monate an die Spree verlegt hatte. Eine ihrer ersten Aufgaben in der Factory war, auf dem Flur einen wildfremden Menschen anzusprechen und die Mittagspause mit ihm zu verbringen. "Da merkt man, dass das dort ganz einfach geht“, schwärmt die 35-Jährige. 

Mehr als ein normales Gründerzentrum

Die ehemalige Agfa-Fabrik ist schon der zweite Standort der Organisation in Berlin. Zur Eröffnung des ersten an der Bernauer Straße kam 2014 Google-Chef Eric Schmidt nach Berlin. Zu den Firmen, die ihre Adresse in der Factory haben, zählen neben Hunderten Startups so illustre Namen wie der Taxiservice Uber, der Kurznachrichtendienst Twitter oder der Online-Musikdienst Soundcloud: Schon das zeigt, dass hinter dem vom gebürtigen Stuttgarter Udo Schloemer gegründeten Unternehmen mehr steckt als ein normales Gründerzentrum.

Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag hat Schloemer in den Ende 2017 eröffneten Standort am Görlitzer Park investiert. "Es hat sich schnell herauskristallisiert, dass die Factory nicht einfach nur eine Immobilie ist, in der Tische und Räume vermietet werden, sondern ein kuratierter Membership-Club für Talente, Startups und etablierte Unternehmen“, sagt Schloemer, der sein Vermögen mit Immobilien gemacht hat.

Leute vernetzen

"Wir wollen Leute aktiv vernetzen und ein relevantes soziales Netzwerk aufbauen.“ Ganz analog. Wer durch die Gänge geht, spürt sofort, dass das funktioniert – nicht nur im Coding-Room, in dem Programmierer aus mehreren Firmen in einem Raum arbeiten und Erfahrungen austauschen können, obwohl sie an verschiedenen Projekten arbeiten. Im Kinosaal unter dem Dach gibt es nicht nur eine große Leinwand, sondern auch eine Bühne, auf der Gründerteams ihre Ideen präsentieren können. Die Zuhörer sitzen bequem auf Sofas.

Ab 50 Euro im Monat können Gründer Mitglied der Factory werden und erhalten dadurch neben einem Sitzplatz in einem der vielen Arbeitsräume auch den Zugang zu den Veranstaltungen in der Factory, zur Gastronomie und auch zur Software: Eine App auf dem Handy dient nicht nur – im wahrsten Sinne des Wortes – als Türöffner, über sie können sich die Mitglieder aber auch digital vernetzen.

Auch zu den sogenannten Corporates, also Konzernen wie Audi, Eon, Siemens, oder der Deutschen Bank, die dort Dependancen unterhalten, bekommen die Gründer Zugang. Und die Konzernmitarbeiter zu den Gründern. "Startups sind die Innovationsmaschinen“, sagt Matthias Brendel, der die Audi-Denkwerkstatt in der Factory leitet, mit Jeans und Polohemd aber durchaus auch als Gründer durchgehen könnte. 

Schule und Universität

Verwaist ist im Sommer ein großer Raum in der Factory. Das liegt aber nicht etwa an der Hitze, sondern an den Ferien: Mit der New School gibt es eine Privatschule, die statt trockenem Lernstoff den Blick "in die wirkliche Welt“ vermitteln möchte, wie es bei der von Sabrina Heimig-Schloemer gegründeten Schule heißt: "Wir gehen in die Natur, in Unternehmen, an die Orte des Geschehens.“

Teil dessen, was in der neuen Arbeitswelt gerne als Ökosystem bezeichnet wird, ist auch die Code University, eine staatlich anerkannte Hochschule für Programmierer, deren Studenten in der Factory am Görlitzer Park studieren. Ihre Welt ist noch weiter weg vom analogen Fotopapier: Sie beschäftigen sich mit digitalen Geschäftsmodellen der Zukunft, mit dem Internet der Dinge, Kryptowährungen der nächsten Generation. Und haben eben doch einen Bezug zur urbanen Realität

 

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