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Vorstellungsgespräche vor dem Bildschirm

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Auf das Thema kamen sie zufällig – weil sie selbst eine neue Sekretärin einstellen mussten. In Zeiten von Corona gar nicht so einfach: Vorstellungsgespräche waren während der härtesten Phase des Lockdown gar nicht möglich. So wie ihnen dürfte es doch vielen anderen Arbeitgebern ergehen, vermuteten die Heilbronner DHBW-Professoren Thomas Batz und Thorsten Krings. Also starteten sie eine Studie zum Thema Personalrekrutierung während Corona.

Studie zur Personalrekrutierung

Befragt hatten sie etwa 20 Unternehmen, die stetig viele Neueinstellungen vornehmen, von großen Arbeitgebern in der Region bis zu Personaldienstleistern. Im Mittelpunkt stand die Frage, auf welchen Wegen diese Betriebe während der Corona-Phase ihr Personal rekrutierten und inwiefern sie dies beibehalten wollen. Denn klar war: Nun musste alles digital laufen. Und fast alle Unternehmen gaben in der Befragung an, dass bislang allenfalls die Bewerbungsunterlagen digital eingingen, die Gespräche aber normalerweise vor Ort und persönlich stattfanden.

Während jener Wochen hätten sie aber die Vorteile digitaler Auswahlgespräche für sich entdeckt, berichtet Thomas Batz. Nur zwei Befragte gaben an, nach Ende der Einschränkungen wieder ausschließlich persönliche Gespräche ansetzen zu wollen. „Alle waren durch die Bank überrascht, wie gut es funktioniert hat“, berichtet Batz. Probleme habe es lediglich auf Seiten der Bewerber gegeben, die auf einmal mit Programmen für Videokonferenzen umgehen mussten. Vor allem Ältere und Bewerber für einfachere Berufe hätten damit hin und wieder Schwierigkeiten gehabt, sagt der Professor. Wer in seinem Beruf täglich mit Computern zu tun habe, habe sich auch darauf eingestellt – unabhängig vom Alter.

"Face-to-face" Gespräche 

Ganz ohne persönliches Gespräch ging es dennoch nicht: Mit Ausnahme einer einzigen Neueinstellung – es ging um einen Posten in der IT – wurden die Bewerber nach den Video-Gesprächen für die nächste Runde doch noch in das Unternehmen eingeladen. Während die digitale Vorauswahl meistens von der Personalabteilung getroffen wurde, waren nun die Abteilungen beteiligt, in denen die Stelle ausgeschrieben war – und da habe doch wieder die Frage eine Rolle gespielt, ob der Bewerber ins Team passt. „Auf dieses Bauchgefühl während eines Gesprächs wollen die Unternehmen nicht verzichten“, erklärt es Batz. 

Auch Thorsten Krings sagt: „Ein Gespräch face to face ist weiter nötig. Es geht oft darum, festzustellen: Passt derjenige bei uns rein?“ Wobei es nicht Ziel sein sollte, vollkommen ins Team passende Bewerber einzustellen, mahnt er. Gerade die Querdenker seien wertvoll, meint Krings.

Können digitale Auswahlverfahren auch dafür sorgen, mehr Diversität ins Unternehmen zu bekommen? „Das haben alle Befragten verneint“, berichtet Krings. „Am Ende entscheidet doch der Bauch.“ Viele Unternehmen luden trotz der Corona-Einschränkungen die Kandidaten der engeren Wahl auch zu Probearbeiten ein. Übrigens hätten sich auch die Bewerber nicht perfekt auf die neuen Verfahren eingestellt: Bei den Videogesprächen hätten sie oft nicht darauf geachtet, was hinter ihnen im Bild zu sehen ist, oder die Unschärfe-Funktion des jeweiligen Programms genutzt, berichteten die Befragten den beiden Professoren. Dabei lasse das, was noch im Blickfeld der Kamera ist, auch Rückschlüsse auf den Bewerber zu.

Vorbild USA mit Video-recruiting 

Die Corona-Krise habe hier erneut Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern offensichtlich gemacht. „In den USA arbeitet man schon lange mit Video-recruiting“, erzählt Thomas Batz. Dort seien die Entfernungen zwischen Bewerber und Unternehmen eben oft so groß, dass eine Fahrt dorthin viel zu umständlich und zeitraubend sei. „Corona war für deutsche Unternehmen in diesem Sinne gut – es gab einfach keine andere Möglichkeit, Bewerbungsgespräche zu führen“, sagt Batz. „In Deutschland herrscht eine Kultur vor, dass man gerne Sicherheit möchte – und dazu brauchte man bislang das persönliche Gespräch.“ Zumindest für einige Runden der Bewerbungen hat sich das nun geändert. 

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