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Ecole 42 will im Juni in Heilbronn öffnen

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In Deutschland gab es sie bisher noch nicht: die renommierte Programmierschule 42. Umso mehr gilt es für die Stadt als großer Coup, dass ihr erster deutscher Standort in Heilbronn entsteht. Jetzt geht es für die Bildungseinrichtung richtig los: mit der Auswahl der ersten Studierenden. Die Bewerber sind international und generell ganz unterschiedlich. Was sie eint, ist ihr Interesse an Codes, Rätseln und kniffligen Aufgaben. Die Institution, bei der sie sich beworben haben, verspricht, anders zu sein als traditionelle Hochschulen, ohne theoretische Vorlesungen, Dozenten oder Noten. Was zählt, ist vor allem die Motivation, das Studium selbst in die Hand zu nehmen und praktische Erfahrung zu sammeln.

Vorbereitungen

Wegen Corona musste das erste vierwöchige Aufnahmeverfahren, von der Programmierschule auch Piscine (französisch: Schwimmbecken) genannt, komplett online stattfinden. Nun läuft die zweite Auswahlrunde bis Anfang April, dann die dritte bis Anfang Mai. „Insgesamt werden pro

Piscine ungefähr 50 Teilnehmer aufgenommen, das kann aber auch variieren“, erklärt Geschäftsführer Thomas Bornheim. Die ausgewählten Studierenden bilden dann den ersten 42-Jahrgang in Deutschland, am Standort Heilbronn.

Im Juni will die Coding School auch vor Ort, in der ehemaligen Innovationsfabrik, durchstarten. „Es wird eine Einlasskontrolle geben, an der Fieber gemessen wird und die nicht aufgeht, wenn man keine Maske trägt“, sagt Kommunikationsleiterin Sophie Heinz. Die Baustelle in der Weipertstraße entwickelt sich, 156 Arbeitsplätze mit Computer gibt es schon, mit der Zeit sollen weitere dazukommen. Außer ruhigen Plätzen sind auch Ecken und Räume zum Austauschen, Spielen und Feiern vorgesehen. Nach Corona soll das Gebäude 24 Stunden am Tag geöffnet sein. „Es wird wie ein Spielplatz für Leute, die das Coden lernen wollen“, freut sich Bornheim.

Wege

Nun heißt es für die Bewerber aus der ersten Runde aber erst einmal Durchschnaufen. Denn die vier Wochen in der Piscine sind zeitintensiv und verlangen viel ab: In der ersten Woche lernen sie ihre Peers, also ihre Mitstreiter, und die digitalen Plattformen kennen, dann kommen die ersten Projekte auf die Bewerber zu. Am Wochenende stehen Gruppenarbeiten an, jeden Freitag ein Examen, und dann auch noch zusätzliche Events mit externen Gästen. „Da gab es zum Beispiel die Künstlerin Bleeptrack, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz Kunst erzeugt“, erzählt Thomas Bornheim. „Wir wollten damit zeigen, welche unterschiedlichen Wege man im Bereich Coding gehen kann.“

Wer in der Programmierschule aufgenommen wird, durchläuft eine Art Computerspiel. Schließt man bestimmte Projekte ab, erhält man Erfahrungspunkte und steigt im Level auf. Mit der Zeit wird das Spiel immer verästelter, und es entstehen Wege, sich auf einen bestimmten Bereich zu spezialisieren. „Die Studierenden bauen mit ihren Projekten ein Portfolio auf“, sagt der Geschäftsführer, der früher im Silicon Valley als Google-Analyst gearbeitet hat. Damit könne man die eigenen Fähigkeiten und Stärken letztendlich besser beweisen als mit einer Abschlussnote. „Man kann zum Beispiel zeigen, dass man schon einmal ein 3D-Spiel selbst gebaut hat oder eine Dating-Plattform nachgebaut hat“, erzählt Bornheim. Wer Sicherheitsexperte werden wolle, könne auch versuchen „zum Beispiel unsere Programmierschule zu hacken“, sagt Thomas Bornheim und lacht.

Für das Studium an der 42 Heilbronn muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Am Anfang des Bewerbungsprozesses stehen zwei Online-Logikspiele, dann folgt die Piscine. In Heilbronn liegt der Frauenanteil bei den Bewerbern bisher bei etwa 30 Prozent, am Ende der ersten Piscine waren es noch 20 Prozent. Die Zahl der weiblichen Bewerber sei an sich schon recht gut, „aber wir müssen noch daran arbeiten, den Anteil auch zu halten“, sagt Bornheim. 

Heilbronn ist der erste Standort der Coding School 42 in Deutschland, in Wolfsburg ist ebenfalls eine Schule im Aufbau. Ursprünglich kommt die Idee aus Frankreich, weltweit gibt es Standorte in 20 Ländern. Das Netzwerk ist so aufgebaut, dass Studierende auch zwischen den Standorten wechseln können. Angesiedelt ist die 42 Heilbronn in einem ehemaligen Fabrikgebäude in der Weipertstraße, gefördert wird sie von der Dieter-Schwarz-Stiftung.  

Kommentar

von Annika Heffter

Es sieht so aus, als würde Heilbronn bald Zuwachs aus allen möglichen Ländern bekommen. 56 Prozent der bisherigen Bewerber der neuen Programmierschule 42 kommen aus Deutschland, die restlichen 44 Prozent hauptsächlich aus dem EU-Ausland. Das ungewöhnliche Konzept der Bildungseinrichtung lockt offenbar ganz unterschiedliche Menschen an, die allermeisten von ihnen sind aber immer noch männlich. Aus der Heilbronner Programmierschule heißt es, in anderen Ländern sei der Frauenanteil schon höher, besonders an den 42-Standorten, die von Frauen geleitet werden. In Armenien sei sogar schon eine paritätische Zusammensetzung erreicht, weil es dort gesellschaftlich völlig normal sei, dass genauso Frauen in Informatik-Berufen arbeiten wie Männer.

Was das angeht, hat Deutschland noch einiges aufzuholen. Immerhin hat die 42 Heilbronn bei den Bewerbungen einen Frauenanteil von 30 Prozent erreicht. Es ist aber auffällig, wie viele von ihnen im Laufe des ersten vierwöchigen Aufnahmeverfahrens abgesprungen sind, sodass der Anteil zuletzt nur noch bei 20 Prozent lag. Es gibt viele Wege, diese Zahl zu erhöhen – sie beginnen im Grunde schon in der Schulzeit mit der Förderung von Frauen in MINT-Fächern. Und auch Coding-Künstlerinnen wie Sabine Wieluch helfen dabei, alte Stereotype über Programmierer aufzubrechen und zu zeigen, dass man Informatik-Fähigkeiten immer brauchen kann, auch in kreativen Berufen.  

 

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