Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

(Schul-)Wechsel in der Pandemie?

zurück zur Übersicht

Ein virtueller Schulrundgang ersetzt nicht riechen, hören, fühlen. Ein Video-Chat zu möglichen Ausbildungsinhalten in einem Unternehmen ist nicht vergleichbar mit einem Tag Praktikum pro Woche für ein halbes Schuljahr. Die Vielfalt einer realen Bildungsmesse kann kein noch so engagierter Berufsberater abbilden. Und auch das Studienangebot ist für Abiturienten deutlich schlechter durchschaubar. Doch die Übergänge in der Pandemie gestalten sich nicht nur für die Wechselnden schwierig. Auch die Aufnehmenden, sei es weiterführende Schule, Betrieb oder Hochschule haben Sorgen, mit welchem Leistungsniveau sie rechnen können. Denn klar ist: Während des Corona-Schuljahres 2021 hat viel Unterricht online stattfinden müssen. Das haben viele Schüler gut bewältigt. Doch längst nicht alle konnten sich motivieren und sind am Ball geblieben.

Ausbildungen

„Die Unternehmen investieren in den ersten Wochen und Monaten einiges, um eine gewisse Ausbildungsreife zu erhalten“, weiß Gerald Fichtner von der Industrie- und Handelskammer Heilbronn. Dabei geht es nicht nur um Inhalte. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie Interesse, Offenheit, Motivation und Verlässlichkeit spielen eine Rolle. Die IHK weiß von ihren 45 000 Mitgliedsbetrieben, dass tatsächlich noch viele Stellen für den Ausbildungsbeginn im Herbst unbesetzt sind. Im Vorjahr seien schon zwölf Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Wenn sich der Trend in diesem Jahr fortsetze, werde der Fachkräftemangel in einigen Branchen eklatant, erklären die Experten. Die Firmen steuern mit Aktionen unter anderem auf Social Media dagegen an. Ziehl Abegg sei mit Formaten auf Tik Tok erfolgreich gewesen, sagt Fichtner. Vor allem in den technischen Berufen und im IT-Bereich, weiß Fichtner beispielsweise von EBM-Papst, gebe es noch offene Lehrstellen. „Es ist aber auch noch die Phase, wo nicht alle Verträge schon unterschrieben sind.“

Es gibt aber auch Branchen, die zurückhaltend sind, neue Auszubildende einzustellen. So suche das Panorama Hotel Waldenburg noch Köche. „Doch andere Gastronomen, die nicht wissen, wie sie durch die Krise kommen, wann sie wieder öffnen dürfen, stellen jetzt noch niemanden ein“, sagt Fichter. Auch in anderen Berufen, die mit Freizeit, Event, Einzelhandel, Marketing und Kommunikation zu tun haben, sei man zurückhaltender mit Neueinstellungen.

Die Störung der Berufsvorbereitung für die Abschlussjahrgänge bedauern auch die Schulleiter. Der reale Kontakt wie ihn die verschiedensten Formate der Berufsbildung ermöglichen, fehle einfach, sagt Fichtner. „Das ist vor allem ein Problem für Unschlüssige“, sagt Marcus Mader, Schulleiter der August-Weygang-Gemeinschaftsschule in Öhringen. Was tun diese Schüler dann? „Im ungünstigsten Fall nichts“, sagt Fichtner. Im besten Fall gehen sie weiter auf die Schule. Das machen von den Abschlussschülern der August-Weygang-Gemeinschaftsschule immerhin 60 Prozent. Ein Teil geht auf eine zweijährige Berufsfachschule. Wer die Mittlere Reife an der Schule macht, wechselt an WG oder TG. „Einige machen auf ein Freiwilliges Soziales Jahr und lassen sich so noch etwas Zeit mit der Entscheidung“, sagt Mader.

Hochschule

Auch die Fachhochschule Heilbronn spürt, dass den Studenten während Corona die Wechsel schwerer fallen. Nicht zwingend der Wechsel an die Hochschule – die Zahl der Erstsemester sind ähnlich denen des Vorjahres. Doch beim Masterstudiengang gibt es 25 Prozent mehr Anmeldungen: „Wenn die Studenten sich sonst nach dem Bachelor beworben haben, ist ihnen die Lage am Arbeitsmarkt aktuell zu unsicher“, erklärt Thomas Robert, Sprecher der Fachhochschule Heilbronn. Bei den Studienabbrechern ist die Quote gefallen. Mit ein Grund sei die schnelle Umstellung auf Hybrid-, beziehungsweise Online-Betrieb.

Schule

Mit 95 neuen Fünftklässlern zum kommenden Schuljahr sind die Anmeldezahlen am Ganerben-Gymnasium Künzelsau vergleichbar mit den Vorjahren. Quantitativ ist somit alles vergleichbar. Schulleiter Edwin Straßer aber weiß, dass die neuen Fünfer mit Blick auf den Lernstand und das soziale Lernen andere Herausforderungen an die Lehrer stellen. Viele Aktionen, die an den Schulen gemacht wurden, damit die Gemeinschaft wächst, sich die Schüler wohlfühlen, habe es nicht gegeben. Auch die Lehrer der aktuellen Sechstklässler sagen ihm immer wieder: Die Schüler seien noch nicht in der sechsten Klasse angekommen. Aktuell laufen Gespräche zu Lernbrücken und Sommerunterricht. Doch Inhalte seien nicht alles. Für die Schüler hofft Straßer, dass die allgemeinbildenden Gymnasien zu G9 zurückkehren.

Die neuen Fünfer kommen, die Abiturienten gehen. „Die meisten unserer Absolventen gehen an die Uni“, sagt Straßer. Der Übergang gelinge, auch wenn natürlich an den Hochschulen vieles anders laufe als gewohnt. Sorgen macht sich Straßer allerdings um die Zehner. Schon der zweite Jahrgang müsse nun ohne Bogi (Berufsorientierung an Gymnasien) auskommen.

Galerien

Regionale Events