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Kreißsaal mit Plastiktüten

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"Heiß, dreckig, blutig." Das war der erste Eindruck, den Verena Bauditsch zu Beginn ihres Praktikums in einem Krankenhaus auf Sansibar gewonnen hat. "Aber man gewöhnt sich an alles. Und zum Glück gab es Handschuhe", sagt die Niederhofenerin. Die Erfahrungen, die sie in Ostafrika gesammelt hat, haben die junge Hebamme geerdet: "Dort ist die Geburt noch etwas Natürliches, bei uns ist der Kreißsaal eine Wellnessoase."
Bereits ein Jahr zuvor war Verena Bauditsch auf der Insel im Indischen Ozean. Allerdings nur zu Besuch bei einer Freundin, die dort ein soziales Praktikum absolvierte. Wieder zurück im Leintal, bewarb sie sich bei der Organisation World Unite, die Freiwilligeneinsätze, Praktika, Aktivreisen und kulturelle Lernangebote in verschiedenen Ländern ermöglicht.

"Es hat mich interessiert, wie die Abläufe in einer afrikanischen Klinik sind, vor allem, weil dort viel mehr Kinder geboren werden." Ein halbes Jahr später war die 24-Jährige, die im Schwaigerner Storchennest Geburtsvorbereitungskurse gibt, startklar. Im Sinsheimer Krankenhaus, wo sie als Beleghebamme arbeitet, nahm sie sich drei Monate Auszeit.


Entbindungsstation

 

Auf Sansibar wurde Verena Bauditsch als Praktikantin auf der Entbindungsstation eingesetzt: Ein großer Raum mit 30 Betten, auf der die Schwangeren ihre Wehen verarbeiten, jede für sich. Wenn sich der Muttermund weit genug geöffnet hat, werden sie in den Kreißsaal gebracht. Dort liegen immer drei gleichzeitig. "Die Frauen werden nicht betüttelt, müssen auf Pritschen in Rückenlage entbinden, und sie machen keinen Mucks", beschreibt Bauditsch. Sechs Stunden nach der Geburt gehen sie mit ihren Babys wieder nach Hause. Die meisten von ihnen hätten schon mehrere Kinder, in Deutschland habe sie hauptsächlich mit Erstgebärenden zu tun, sagt die Expertin. Etwa einen Euro kostet die Geburt, die Plastikplane, auf der die Frauen liegen, inklusive.

Das Fehlen von technischen Überwachungsgeräten, wie dem Wehenschreiber, hat sie verunsichert, manches auch Kopfschütteln verursacht: "Schwesternschülerinnen, die noch nie eine Entbindung gemacht hatten, durften das in den beiden afrikanischen Krankenhäusern tun." Sie dagegen war wegen der ungewohnten Situation vorsichtig: "Ich habe einige Geburten gemacht, aber nie alleine."

 

Zwei Welten, gemischte Gefühle

 

"Das Menschenleben zählt nicht so viel in Afrika. Es kommt öfter vor, dass Säuglinge sterben", erzählt Verena Bauditsch. Laut Statistik liegt die Kindersterblichkeit auf Sansibar bei 54 von 1000 Lebendgeburten. Die beiden Sauerstoffanschlüsse auf der Frühchenstation wurden jenen zuteil, denen von vorneherein bessere Überlebenschancen zugetraut wurden. "Da muss man schon schlucken."


Andererseits hat es sie beeindruckt, "dass es noch Menschen gibt, die den Tod als etwas Natürliches respektieren, dass extrem Frühgeborene in Würde gehen dürfen". In Afrika käme auch niemals jemand auf die Idee, die Hebamme verantwortlich zu machen, wenn bei der Geburt etwas schiefläuft, meint Bauditsch angesichts der aktuellen Diskussion über die Haftpflichtversicherung von Hebammen.


Materialmangel

 

Zwei Krankenhäuser hat die junge Frau auf Sansibar kennengelernt. Eines mit 12 000, das andere mit 6000 Entbindungen im Jahr. Die Verständigung mit den Schwestern und Ärzten war nicht immer einfach, obwohl die Amtssprache Englisch ist. Schmerzmittel gab es keine, "und man musste immer schauen, wo man Material, wie etwa Handschuhe herbekommt".


Die Standards seien zwar auf dem Papier annähernd wie in Deutschland, "aber mit der Umsetzung hat es nicht funktioniert". In dem kleineren der beiden Krankenhäuser habe sie überhaupt keinen Arzt gesehen, "die Hebammen haben alles alleine gemacht". Allerdings bestehe auch in Deutschland keine Pflicht, einen Arzt zur Geburt hinzuzuziehen, schränkt sie ein. Nach ihrem Praktikum hat Verena Bauditsch noch Urlaub gemacht – "Den habe ich auch gebraucht, um alles zu verarbeiten. Es ist frustrierend, wenn man weiß, dass hier vieles besser gelaufen, vieles zu verhindern gewesen wäre."

 

 

 

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