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Morgens in die Uni, abends in den Pub

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Reisen bildet, lautet ein Sprichwort – zurecht. Wer schon einmal eine Sprachreise, ein Praktikum oder einen Job im Ausland gemacht hat, kann das bezeugen. Diese wertvolle Erfahrung sollte jeder einmal gesammelt haben, davon sind Sergen Tuncelli und Selina Schwarz überzeugt. Die beiden 24-Jährigen haben in London studiert und schwärmen noch immer von dieser Zeit in der britischen Hauptstadt. Außerdem finden sie: Trotz Brexit und Corona-Zeiten ist es möglich, wichtige Kernkompetenzen für den Berufsstart zu sammeln.

Sergen, der in Nordheim aufwuchs, wohnt noch in London und arbeitet dort als Junior Marketing Manager für ein E-Commerce-Mode-Unternehmen. „Es gab hier für mich gute Karriereoptionen”, erzählt er. Nach seinem Hauptschulabschluss hatte er eine Ausbildung in einem Heilbronner Betrieb gemacht. 2017 studierte er dann Public Relations an der University of the Arts in London. Die ersten zwei Jahre seines Studiums wohnte Sergen im Herzen von Westminster. London begeisterte ihn: jede Menge Freizeit und Kultur erleben zu können, oder sich einfach in einen Park zu setzen und nach kurzer Zeit Anschluss zu finden. „An der Uni haben mir vor allem im ersten Semester die Gruppenprojekte gefallen”, berichtet er.  „Einmal sollten wir ein Magazin für einen Londoner Verlag gestalten. Mit unserem Projekt gewannen wir dann einen internen Wettbewerb an der Uni.”

Praktische Erfahrungen

Später zog Sergen in den Stadtteil Camden. Das war, kurz bevor die Corona-Pandemie ausbrach.  „Der erste Lockdown war sehr strikt. Man durfte nur für essenzielle Einkäufe auf die Straße gehen und auch nur einmal am Tag eine Stunde lang Sport machen mit maximal einer anderen Person, die öffentlichen Transporte waren eingeschränkt”, berichtet Sergen. In dieser Zeit sei London wie ausgestorben gewesen. Jetzt komme wieder Leben in die Stadt. „Seit einem Monat ist die Außengastronomie wieder geöffnet, und seit kurzem kann man sich wieder ins Innere setzen.” Als Sergen sein Studium 2017 in London begann, stand außerdem fest: Die Mehrheit der Briten will einen Austritt aus der EU. Ein Grund mehr für ihn, die Zeit in England richtig zu genießen. Die politische Entwicklung bedauert er: „Es ist schade, vor allem für künftige Studierende, weil die Kosten auch für sie steigen”, sagt Sergen und rechnet vor: Er selbst hatte, abzüglich der Miete, monatlich rund 700 Pfund (800 Euro) zur Verfügung. „Damit lässt es sich als Studierender mehr als angenehm leben”, sagt Sergen. Zumal es in London viele Möglichkeiten gebe, als Vollzeitstudent nebenbei Geld zu verdienen. 

Auch Selina Schwarz, die an der University of West London Eventmanagement studierte, arbeitete neben ihrem Studium, um sich ihr Leben in England zu finanzieren. Schon immer wollte sie die Eventbranche kennenlernen, und arbeitete deshalb in einer Firma mit. „London passte perfekt zu meinen Zielen. Zum einen ist das Studium dort sehr praxisnah, zum anderen hat mich die Stadt an sich fasziniert. Man kann dort so viel sehen und erleben. Manchmal kam mir das Studium wie ein Sightseeing-Urlaub vor.“

Die Bad Friedrichshallerin wohnte mit Kommilitonen in einer WG in Ealing in nächster Nähe zur Uni. „Die Mietpreise für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung bewegen sich zwischen 1000 und 2000 Pfund. Und das kalt. Deshalb sind Wohngemeinschaften auch für die Londoner nicht wegzudenken.” Selinas Studentenalltag war sehr durchgetaktet. „Ich habe ja nebenbei gearbeitet, mein Studentenleben sollte aber auch nicht zu kurz kommen. Morgens ging’s zur Uni, nach dem Lernen bin ich hin und wieder mit Freunden in den Pub gegangen. An den Wochenenden habe ich mir dann viele tolle Dinge in London angeschaut. Auch nach knapp vier Jahren wurde es mir nie langweilig”, erzählt Selina.

Tipps für Corona-Zeiten

Trotzdem zog es sie nach ihrem Studium 2019 zurück in ihre deutsche Heimat. Mit Beginn der Corona-Pandemie war es für sie als Berufseinsteigerin zunächst schwierig, in der Eventbranche einen Job zu finden. Im Oktober 2020 fing sie dann bei einer Stuttgarter Firma als Junior Projektleiterin für Events an. Selina ist überzeugt: „Mein Auslandsstudium und meine praktische Erfahrung haben mir bei der Bewerbung bestimmt einen Vorteil verschafft.“  

Ein Auslandsstudium oder -praktikum, das fördert auch die persönliche Entwicklung, sind sich Selina und Sergen einig: „Man wird selbstständiger, unabhängiger, lernt als Mensch dazu. Ich habe schnell gelernt wie es ist, mit 18, 19 Jahren allein zu wohnen“, sagt Selina. „Das gibt einem viel Selbstbewusstsein und Sicherheit. Man lernt unweigerlich, neue Kontakte zu knüpfen und die Sprachbarriere zu überwinden“, findet Sergen. „Das musste ich auch lernen: Einfach loszureden, egal ob ich einen Akzent habe oder nicht.“

Auslandsstudium, Praktikum im Ausland, Schulabschluss in Corona-Zeiten – was raten Sergen und Selina jungen Menschen, die jetzt vor der Wahl stehen? Zunächst einmal: „Sich nicht stressen lassen“, sagt Sergen. „Es ist ganz klar, dass vieles derzeit leider nicht so funktionieren kann wie unter normalen Umständen.“ Deswegen sollte sich niemand schlecht fühlen. „Den Kopf nicht hängen lassen und optimistisch bleiben. Bleibt dran und überbrückt die Zeit sinnvoll“, motiviert auch Selina. „Viele Workshops, Projekte oder Volunteering funktionieren auch online, und es gibt zahlreiche Fernstudiengänge.“

So könne man Eigeninitiative zeigen, ergänzt Sergen. Sein Tipp: das Berufsnetzwerk Linked In. „In Deutschland wird es eher vernachlässigt, dabei ist es viel internationaler als Xing und bietet Optionen, auf die man sonst nicht stoßen würde: von Praktika bis hin zu Jobs oder Aushilfen bei Projekten. Viele britische Unternehmen suchen online gezielt nach deutschen Muttersprachlern oder Praktikanten.“ Linda Möllers

Nach dem Brexit – Studieren im Vereinigten Königreich

Seit dem Brexit steht fest: Großbritannien ist raus aus dem Erasmus+-Programm. Stattdessen hat die britische Regierung das „Alan-Turing-Programm“ aufgelegt. Allerdings können nur britische Studierende eine Förderung beantragen. Für EU-Bürger ist die Förderung eines Auslandsaufenthaltes im Erasmus+-Programm nur möglich, wenn es sich um eine Partnerhochschule der deutschen Hochschule mit einem gültigen Abkommen handelt. 

EU-Bürger, die ab Juli im Vereinigten Königreich Großbritannien oder Nordirland studieren wollen, haben keine Ansprüche mehr auf die britische Studienfinanzierung (tuition fee loan) oder auf die gleichen Studiengebühren wie britische Studierende. Sie müssen die sogenannten internationalen Gebühren zahlen. Wer ab diesem Jahr in Großbritannien länger als sechs Monate studieren will, muss ein Studierendenvisum beantragen. Es zu beantragen, kostet 348 Pfund, rund 404 Euro. Hinzu kommt die sogenannte „Immigration Health Surcharge“ für das öffentliche Gesundheitssystem. Die Gebühr über 470 britische Pfund pro Jahr kann sich ab 2022 erstatten lassen, wer Vollzeitstudent ist und eine europäische Krankenversicherungskarte besitzt. Auch Praktikanten müssen ein bestimmtes Visum beantragen. Wer weniger als sechs Monate in Großbritannien studiert, darf außerhalb des Studiums keinem Nebenjob nachgehen.

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Online-Lesung

Am 14. Juli liest Dr. Natasha A. Kelly aus ihrem Buch über Rassismus.