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Der böse Mensch

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Als William Gass sein Monumentalwerk "The Tunnel" 1995 in den USA vorstellte, war die Kritik tief gespalten. Gass lässt die verstörende Geschichte vom Bösen im Menschen, vom "Faschismus des Herzens", wie er es nennt, von einem Naziforscher erzählen. William Frederick Kohler ist ein amerikanischer Professor, dessen Vorwort für ein Buch über das Dritte Reich zur Abrechnung mit seiner eigenen Person wird, mit seiner Vergangenheit, dem Hass und den Lügen.


Dem melancholischen Inhalt seines Buchs setzt der amerikanische Autor, Essayist und Literaturkritiker eine wunderschöne, zarte und einfühlsame Sprache entgegen. Fast drei Jahrzehnte vergingen, bis Gass mit dem Ergebnis zufrieden war. Es wurde scharf kritisiert, aber auch als "großer amerikanischer Roman" gefeiert. Er gewann einen der höchsten Literaturpreise der USA, den National Book Award.

 


Selbstgemalte Bilder

Jetzt ist "Der Tunnel" in einer gelungenen Übersetzung von Nikolaus Stingl in Deutschland erschienen. Auf Anweisung des inzwischen 87-jährigen Autors kommt der 1096-seitige Band wieder in einem schwarzen Einband heraus. Der mit einer Künstlerin verheiratete Gass hat seiner Erzählung einige selbstgemalte Bilder beigefügt, unter ihnen das Emblem des "Ordens der Undankbarkeit".


Gass kam nach eigenen Angaben als Sohn eines aggressiven und rassistischen Vaters und einer alkoholabhängigen, passiven Mutter zur Welt. Ihr ist das Gedicht "Lied einer Trinkerin" in dem Roman gewidmet. Er habe eine unglückliche Kindheit gehabt, erklärte Gass in mehreren Interviews. Der Zorn darüber habe ihn zu vielen seiner Arbeiten beflügelt. Er habe oft "quasi aus Rache" geschrieben.

 

Tunnel ins Nichts


Wie William Gass ist der Protagonist des epischen Romans "Der Tunnel" von Frustration erfüllt. Kohler hasst die "schwabbelige" Ehefrau, die boshaften Söhne und neidischen Kollegen, den Verlust der jungen Geliebten und das Leben überhaupt. In seiner Verzweiflung beginnt er, einen Tunnel vom Keller seines Hauses zu graben. Er führt ins Nichts.


Im Zuge der Selbsterkenntnis wird Kohler klar, dass er sich inzwischen zu sehr mit den Nazis identifiziert, um sie noch als Historiker verurteilen zu können. Er versteht, dass das, was Hitler den Menschen gab, keineswegs nur an Deutschland gebunden war. Und so gründet auch Kohler eine Partei, die Party of the Disappointed People (Partei der Enttäuschten).
 

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