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Opfer eines teuflischen Plans

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Täglich werden es weniger. Die Jungs kommen einfach nicht mehr, sind krank oder schon tot, doch Bucky Cantor hält die Stellung - zunächst noch. Der Sportlehrer ist jeden Tag dieser hitzeflirrenden Sommerferien im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs auf dem Sportplatz, um mit den Jungs, die nicht in die Sommerfrische gefahren sind, Baseball zu spielen. Nur eines ist anders als sonst: In Newark grassiert eine Polio-Epidemie, die schon einige Jugendliche getötet hat - und unter der Bevölkerung verbreitet sich langsam Panik.

"Nemesis" ist die griechische Göttin des gerechten Zorns und der Titel des neuen Romans von Philip Roth, der sich erneut als einer der herausragenden amerikanischen Autoren erweist. Bucky ist Jude, lebt in Newarks besserem Viertel Weequahic und kann nicht fassen, was da passiert. Gegen Polio, besser bekannt als Kinderlähmung, gab es damals keine wirksame Behandlung, auch noch keinen Impfstoff. Wer erkrankte, blieb oft gelähmt, landete für den Rest seines Lebens in einer Eisernen Lunge oder starb.


Athletenkörper

Obwohl Bucky an keinen Gott glaubt, ist er überzeugt, dass hinter der Epidemie ein teuflischer Plan steckt, ausgeheckt von einem Wesen, das er sich als Mischung aus einem "perversen Arschloch mit einem bösartigen Genie" vorstellt. Auch Bucky fühlt sich auf seine Art als Opfer. Ausgestattet mit einem begnadeten Athletenkörper, darf er nicht zu Army einrücken, weil seine Augen zu schlecht sind.

Statt der verhassten Deutschen, die sein jüdisches Volk ausrotten wollen, hat er nun zwei andere heimtückische Gegner: das Virus und die Paranoia seiner Mitmenschen. Nach dem Tod eines seiner Schützlinge machen die Eltern Bucky verantwortlich, nicht gut genug auf den Jungen achtgegeben zu haben.

Ein Vorwurf, der dem jungen Mann schwer zu schaffen macht. Aber Flucht aus der verseuchten Stadt kommt für Bucky nicht infrage - oder vielleicht doch? Seine Freundin Marcia bittet ihn nämlich, zu ihr in ein Ferienlager in den Poconos zu kommen, weit weg von der Epidemie, wo sie ihm einen Job als Aufsicht am Badesee beschafft hat. Doch Bucky zögert.


Dilemma

Philip Roth steckt seinen Helden in ein schweres Dilemma. Bucky Cantor, dem Moral, dem Ehrlichkeit über alles geht, fühlt sich an der Heimatfront in der Pflicht. Er leidet schon genug daran, dass er nicht in den Krieg ziehen darf. Jetzt auch noch als Feigling zu gelten, der sich aus dem Staub macht, wäre unerträglich. Andererseits: Aus Angst vor Ansteckung kommen ohnehin kaum mehr Kinder zum Baseballspielen. Und im Ferienlager wird er gebraucht, weil der bisherige Bademeister zur Armee eingezogen wurde. Was tun?

In der Verknüpfung von großem historischem Hintergrund und persönlicher Verstrickung mit dieser Geschichte erweist Philip Roth sich erneut als großer amerikanischer Meister, dem erzählerisch inzwischen alles zu gelingen scheint. Die Dialoge, der Rhythmus, die Sprache, die philosophische Ernsthaftigkeit: "Nemesis" ist ein außergewöhnlich klug komponiertes Stück Literatur.


Philip Roth
Nemesis
Carl Hanser Verlag, München
221 Seiten, 18,90 Euro


 

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