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In der Sommerfrische

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Wie kleine Diplomatensöhne waren sie herausgeputzt, nein, wie kleine Prinzen. Oft wurden sie von wildfremden Menschen angesprochen. "Wie der junge Sidney Poitier", murmelten die dann, strichen ihnen über ihre Köpfe. Das hatte man davon, wenn man der schwarzen Mittelklasse angehörte und auf eine piekfeine Privatschule ging, damals im New York der 80er Jahre. Wie Zootiere wurde man bestaunt von fremden Wesen, die aussahen wie "Seniorpartner der Anwaltskanzlei Spinner, Spinner & Spinner."


US-Mittelschicht

Um Benji geht es in der fabelhaften Coming-of-Age-Geschichte von Colson Whitehead, die nun unter dem leicht missverständlichen Titel "Der letzte Sommer auf Long Island" veröffentlicht worden ist. Selbst 1969 in eine schwarze Mittelstandsfamilie hineingeboren, Harvard-Absolvent, Journalist bei der New Yorker Village Voice, schreibt Whitehead zum Soundtrack der Smiths und Kim Carnes "Bette Davis' Eyes" eine zumindest semi-autobiografisch angehauchte Geschichte.

Um den Sommer 1985 muss es sich drehen, in dem die Brüder Benji und Reggie für drei unendlich lange Monate von ihren sich in New York abstrampelnden Eltern ins Häuschen nach Long Island geschickt werden. Der BMW, der "Black Man's Wagon", muss schließlich abbezahlt werden. Ronald Reagan ist Präsident, Gorbatschow wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR. Im Mittelmeer wird die Achille Lauro von palästinensischen Terroristen entführt.

Doch das interessiert die Jungs nicht. Die 80er Jahre waren für die US-Mittelschicht ein unpolitisches Jahrzehnt. Hatten nicht ihre Eltern alle Schlachten geschlagen? Für die Jungs zählen nur die Abenteuer der Familie Cosby. Erst wenn sie aufs College gehen, so der allgemeine Seufzer, würden sie gleich im ersten Semester militant und afrozentrisch werden. Gar die wichtigsten Stellen bei Malcolm X studieren. Revolutionäre würden sie für ein paar Monate.


Anekdoten

Doch das ist Zukunftsmusik. In knackigen, zuweilen süffisant erzählten Anekdoten berichtet Whitehead von den beiden Desperados in der Sommerfrische, die sich in ersten Ferienjobs versuchen, sich ver- und entlieben, verstecken spielen oder mit scharfen Waffen hantieren. Sie sind weder Kind noch Mann, weder Fisch noch Fleisch. Nichts passiert. Oder eine ganze Menge. Je nach Sichtweise.



Colson Whitehead
Der letzte Sommer auf Long Island
Carl Hanser Verlag, München
329 Seiten, 21,90 Euro


 

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