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Vorbei an Plattenbauten

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Martha und Johanne, Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, reisen an den Ort ihrer Kindheit. Ein paar Tage Ostsee, weil Johannes Mann abgesprungen ist und auch keine von Johannes Freundinnen Zeit hat.
Dass der Ausflug in die Vergangenheit, vorbei an der Plattenbausiedlung, wo die zwei aufgewachsen sind, zur klärenden Katastrophe wird, daran lässt Judka Strittmatter in ihrem Romandebüt "Die Schwestern" von der ersten Zeile an keinen Zweifel.

In der nach außen stimmigen Akademikerfamilie mit Wartburg und Westklamotten, so vertraut uns die Erzählstimme von Marthe an, geht es herzlos und spießig zu mit einem diktatorisch-cholerischen Vater ("so lange du die Füße unter meinen Tisch streckst").

Auch die Mutter pflegt die DDR-übliche Methode des Unter-den-Teppich-Kehrens und Verschweigens. Marthe leidet seit Teenagerzeiten an Depressionen und unter ihrem schwankenden Gewicht. Johanne ist das attraktive, apolitische, konsumorientierte und biedere Gegenstück, das keinen Groll hegt gegenüber dem, was war.

In einem ehemaligen Interhotel am Ostseestrand, wo einst Devisenwessis und Geheimdienstler verkehrten, steigen sie ab. Der Hotelmanager von damals, Stasispitzel und Wendehals, genießt heute als Förderer des Tourismus in der Region höchstes Ansehen. So weit, so interessant, wenn überhaupt, möchte man meinen.

 

Gewollt

Doch was Judka Strittmatter daraus macht, ist an Banalität schwer zu überbieten. Nicht, weil sie sich nebenbei an ihrem Großvater abarbeitet, dem DDR-Schriftsteller Erwin Strittmatter, der im Roman als Staatsschauspieler und Onkel auftaucht. Sondern, weil sie sich sprachlich verhoben hat – als gäbe es kein Lektorat.

Da wird die Wassertemperatur mit nackten Füßen "ausgelotet", steht das Hotel in "gutem Saft", folgen Stilblüten wie die "Prägung des wärmenden Wattebauschs" auf "elterliche Insinuation", quälen sich Autorin und Leser durch gewollte Gediegenheit.

 

Judka Strittmatter
Die Schwestern
Aufbau Verlag, Berlin
280 Seiten, 19,99 Euro

 

 

 

 

 

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