Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Das Ende der Antarktis

zurück zur Übersicht
Hätte er doch eine Reportage geschrieben, einen Reisebericht. Ilija Trojanow hätte über das Knarren und Knurren der Eisberge schreiben können, über das nahende Ende der Antarktis, über verlassene Walfangstationen, wahnwitzige Sensationstouristen und noch wahnwitzigere selbsternannte Retter, die der Antarktis mit ihrem Aktionismus einen Bärendienst erweisen.
 
Der 1965 in Sofia geborene Weltensammler hat sich indes für die Romanform entschieden und für einen depressiv veranlagten Glaziologen als Helden, der von der Welt verlassen worden ist. Erst ist Zeno, diesem Mr. Iceberger von eigenen Gnaden, die Ehefrau abhanden gekommen, dann sein Forschungsobjekt in den Alpen. Eines Sommers war er einfach weg, sein Gletscher.
 
Und dann ist Zeno weg, er verlässt Hochschule, Amt und Würden, und heuert allen Ernstes beim Feind an. Bei einem Anbieter von Kreuzfahrten, der die Antarktis bereist. Als Lektor dient er sich sich an, als "Urlauberausbilder", so bezeichnet sich Trojanows Zeno, wenn er sich sein neues Leben schönredet. Eine krude Geschichte nimmt ihren Lauf, in die Trojanow allerdings viele, allzu kluge Thesen unterzubringen versucht.
 
Und das tut keinem Roman gut, weder eine Sammlung noch so guter Absichten noch eine Versammlung allzu guter wie allzu böse geratener Menschen: Eine Schwarz-Weiß-Malerei, die den Leser ebenso ratlos zurücklässt wie die Materialsammlung, zu der sein Roman "EisTau" schließlich gerinnt. Ein Roman, der zudem – aus nicht recht nachvollziehbaren Gründen – von einer zweiten Ebene aus Funk- und sinnlosen Sinnsprüchen unterbrochen wird.
 
Aber was will Trojanow nicht alles ansprechen: Die Unart reicher Touristen, die die Welt "erwissen wollen". Die Ausbeutung der unsichtbaren guten Geistern auf Kreuzfahrtschiffen, unter besonderer Berücksichtigung der „vor sich hin emselnden“ Filipinos, die, das muss man ihnen zugute halten, bestens zu "händeln" sein. Bis zum Unwesen der Promis, die allzeit bereit sind, die Welt zur retten. Heute die Menschen in Äthiopien, morgen die Pinguine in der Antarktis. Hauptsache ein Kameramann ist dabei.
 
Ilija Trojanow
EisTau
Carl Hanser Verlag, München
172 Seiten, 18,90 Euro
 
 

Galerien

Regionale Events