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Von Häutungen und Läuterungen

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Gefangene sind sie doch alle. Die Knackis und ihre Ärzte, Betreuer und Wärter. Sie alle sitzen sie in Falconer fest, die einen eben vor den Gittern, die anderen dahinter. Sie alle sind aufeinander angewiesen, alle spielen sie ihre Machtspielchen in dem so luziden wie beklemmenden Gefängnisroman "Willkommen in Falconer", der jetzt, 35 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in einer mitreißenden Neuübersetzung von Thomas Gunkel vorliegt.

Ein unwahrscheinliches Setting? Gewiss. Aber um die Abbildung einer wie auch immer gearteten Realität ging es John Cheever (1912-1982) wohl auch gar nicht. Der Meister der Short Story, dieser Pulitzer-Preisträger, der um sein Leben schrieb und doch unterrichten musste, nicht zuletzt auch in Sing Sing, diesem John Cheever lag nichts ferner, als als guter Reporter aus einem Gefängnis zu berichten.

John Cheever, selbst bekennender Alkoholiker, der spät im Leben sein Coming Out hatte – ein Subtext, der auch in "Falconer", seinem letzten Roman, der damals die Bestsellerliste der "New York Times" im Sturm eroberte, mitschwingt –, dieser fabelhafte Menschenkenner entwirft mit seinem Gefängnis Falconer einen magischen, experimentellen Raum, der den Leser frösteln lässt.

 

Tomaten

Was soll man von Wärtern halten, die an einem Tag blutige Jagd auf herumstreunende Katzen machen, am nächsten Tag ihren Schutzbefohlenen selbst gezogene Tomaten mitbringen? Von Wärtern, die, nicht ganz uneigennützig, das Methadon ihrer Patienten durch Placebos ersetzen und, Wunder gibt es immer wieder, so zur Heilung beitragen?

Nein, die amerikanische Gesellschaft ist kaputt: Cheever weiß es, und sucht doch eine Rettung: In einer Heilung, einer Menschwerdung. Mit religiösem Impetus verfolgt er, der seinem Ruf als Tschechow der Vorstädte nicht mehr entkommen sollte, seine Idee. Mit einer sprachlichen Intensität und Impulsivität, die auch heute noch zu begeistern und zu verstören weiß. Mit einem Vokabular, das direkt ist. Hart. Verletzend. "Prinzipien", so lässt er einen seinen Protagonisten philosophieren, "sind wie Arschlöcher. Jeder hat eins. Und alle stinken."

 

Brudermord

Um Ezekiel Farragut geht es, einen Mann aus verblichenem Ostküstenadel, Professor, Ehemann, Junkie. Tötung im Affekt, verurteilt wegen Brudermordes. In Rückblenden erzählt Cheever die Geschichte Ezekiels, Mosaiksteinchen fügen sich zusammen oder auch nicht. Man muss Konzessionen machen bei einem Junkie.

Kunstvoll verschränkt Cheever in kurzen, stets ineinanderfließenden Episoden in denen Draußen und Drinnen verschmelzen, Geschichten aus dem Ehegefängnis. Und von einer für Ezekiel nicht weniger prägenden Beziehung zu seinen Eltern: "Er war bei Leuten aufgewachsen, die mit verbotenen Waren handelten. Nicht mit harten Drogen, sondern mit geistigen, intellektuellen und erotischen Stimulanzien."

Eine Welt, in die er in Falconer, unter anderen Vorzeichen, zurückkehrt. Wieder erlebt er Gewalt, falsche und glückselige Kameraderie. Und Sex. Eine Art Happy End erlaubt Cheever seinem geläuterten Helden schließlich doch. Aber ob er glücklich wird? Glück ist nicht vorgesehen. Weder in Falconer. Noch draußen, in den Vereinigten Staaten.
 

John Cheever
Willkommen in Falconer
Dumont Buchverlag, Köln
224 Seiten, 19,95 Euro

 

 

 

 

 

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