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Kurz und überflüssig

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Wer es beim Lesen kuschelig, kurz und möglichst klar wünscht, ist hier richtig. Benjamin Lebert schickt die drei Hauptfiguren seines Romans "Im Winter dein Herz" auf eine Expedition Richtung Wärme, Geborgenheit und Liebe. Sie werden sie am Ende gefunden haben, obwohl doch fast ganz Deutschland in tiefstem Winterschlaf liegt.

Dieser Winterschlaf von 90 Prozent aller Menschen ist die eine große Metapher im fünften Roman des erst 30-jährigen Lebert. Mit 17 war er durch sein Debüt "Crazy" berühmt geworden. Was damals als schrille Wiedergabe jugendlicher Identitätssuche begeisterte, ist jetzt stillen Tönen des Hamburger Autors gewichen.

Annina, Kudowski und Robert verweigern sich dem allseits per Pille in Gang gesetzten Winterschlaf, verduften aus einer Göttinger Psychiatrie und tuckern in einem Jeep Richtung München.

Unterwegs berichten die drei gerne und oft, wann sie sich in der Vergangenheit mal geborgen gefühlt haben (Lesestunde bei der Mutter!) und wie sie einander näherkommen: "Er hatte ihr Gesicht noch nie von einer solchen Einsamkeit berührt gesehen." So holprig wie die inhaltliche Umsetzung der Idee von allumfassender Kälte rund um die Liebessuche fällt auch die sprachliche aus.

 

Stakkato-Sätze

Wozu gibt es Lektoren, fragt man sich, wenn Lebert Seite um Seite zahllose Sätze mit "Und" beginnen lässt. Bis zu fünf in einem Absatz. Häufig auch nerven Stakkato-Sätze. Zu Leben erwacht diese Geschichte leider nur hin und wieder. Etwa wenn Robert seinem krebskranken Vater erzählen kann, dass er als Psychiatrie-Patient mal ein Tor geschossen hat. Der sterbende Vater bekommt einen schönen Satz in den Mund gelegt, der endlich mal authentisch klingt, Tiefe wenigstens andeutet und berührt: "Magst mir erzählen, wie der Spielzug war?"
 

Benjamin Lebert
Im Winter dein Herz
Hoffmann und Campe, Hamburg
160 Seiten, 18,99 Euro

 

 

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