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Die Kunst zu fliehen

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Natürlich ist er erschüttert. Wie es einem Forscher so geht, wenn er merkt, dass sein Thema besetzt, das Standardwerk geschrieben ist. Zähneknirschend legte Fredrik Sjöberg seine Idee zu den Akten. Nun gut, es würde also kein Buch über Gottfrid Kallstenius geben, Eingeweihten als der schwedische Krüppelkiefermaler schlechthin bekannt.
 
Doch ein so umtriebiger Biologe wie Fredrik Sjöberg gibt so leicht nicht auf. Hatte er nicht seine Schwebfliegensammlung auf der Biennale in Venedig untergebracht? Und damit als Kunst deklariert? Beharrlich kramt er in der schwedischen Kunstgeschichte und findet schließlich tatsächlich ein würdiges Opfer: Er würde sich mit dem mindestens genauso abseitigen Gunnar Widforss (1879-1934) beschäftigen, seines Zeichens Aquarellmaler, Weltenbummler und Überlebenskünstler. Lang genug tot ist er für eine Recherche à la Sjöberg, fast vergessen obendrein.
 
Aquarellmaler hatten es schwer in Zeiten von Kubismus & Co. Selbst die beiden Arbeiten, die einst, 1913, von der Stadt Stockholm aufgekauft worden waren, hatten sich in Luft aufgelöst. Eine Tatsache, die bei Fredrik Sjöberg, der als Übersetzer und Literaturkritiker in der Nähe von Stockholm lebt, nur einen Seufzer loslöst. "Was im Verborgenen gestohlen wird, ohne dass der Besitzer es überhaupt merkt, ist zum Heulen." Fredrik Sjöberg heult nicht, er macht sich auf den Weg, und das ist wortwörlich zu nehmen. Was er nicht in den Archiven findet, allerlei Familiengeschichten, die mit Recht in Vergessenheit geraten sind, muss er selbst rekonstruieren.
 
 

Spurensuche zum Grand Canyon

Er begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn bis zum Grand Canyon führt, wo das Opfer seiner mutwilligen, ein wenig unsortierten Recherche die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, eine Spurensuche, die er nun in einem kleinen, wunderschönen Bändchen mit dem höchst komplizierten Titel "Die Kunst zu fliehen. Vom Glück sich in kleine Dinge zu versenken und große Kontinente zu entdecken" (Verlag Galiani, 201 Seiten, 18,99 Eur) vorlegt.
 
Eine Eskapade von einem biografischen Versuch ist es, in dem man ein wenig über Widforss – der bleibt, wenn man es recht betrachtet, eine große Leerstelle – und ganz viel über Sjöberg erfährt, der in seinem schmalen, anekdotenreichen Bändchen den Leser in eine Wunderkammer entführt, prall gefüllt mit höchst abseitigen Geschichten.
Bauernschlau Es treten auf: Allerlei schrullige Kunstmaler aus dem St. Petersburg vor dem Ersten Weltkrieg, der bauernschlaue Kaugummimagnat Wrigley, nicht zu vergessen der amerikanische Leutnant Edward Beale, der 1857 mit seiner Kamelherde an einem Ort namens Winslow vorbeistromerte.
 
Man prophezeite ihnen, dem armen Leutnant und seinen nicht weniger bedauernswerten Kamelen, eine große Zukunft. Packtiere waren gesucht im Kampf gegen die Indianer. Was übrig bleibt, sind zwei Aussichtspunkte am Grand Canyon, benannt nach Edward Beale und Gunnar Widforss. Und Sjöberg hat die, nein, eine Geschichte dazu geschrieben.
 
 
 

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