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Die Liebe in allen Facetten

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Fast altmodisch wirkt Bodo Kirchhoffs Geschichte "Die Liebe in groben Zügen" (Frankfurter Verlagsgesellschaft, 670 Seiten, 28 Euro). In Zeiten von Großstädten voller Singles, von Online-Dating und Beziehungsangst. Ausgerechnet die Ehe nimmt der 64-jährige Schriftsteller unter die Lupe. Um Altern, Abschied und Tod geht es darin genauso wie um Sex und Begierde, Hass und Leidenschaft, Selbstlosigkeit und Verzicht. Kirchhoff fächert auf literarisch hohem Niveau ein Panorama der Gefühle zwischen Mann und Frau auf.
 
Gespickt ist das mit erhellenden Einsichten über Paare und Paarungen, mit ironischen Einblicken in die Fernsehmacher-Szene und atmosphärisch dichten Schilderungen aus dem Alltag bourgeoiser Bonvivants, die für eine Lebensform stehen, die sie Jahrzehnte zuvor bekämpften. Reizvolle Schauplätze hat Kirchhoff für seine Protagonisten ausgesucht: die Landschaft am Gardasee, Kuba mit seinem in Schönheit verfallenden Havanna, Assisi und Frankfurt, dort, wo es am schönsten ist. Immer wieder auch beschreibt der Autor das gute Leben seiner Helden mit der Vorliebe für exzellenten Wein, mediterranes Essen und luxuriöse Autos. Vila, bald 53 Jahre alt, und ihr 62-jähriger Ehemann Bernhard, genannt Renz, haben es sich in diesem Leben bequem gemacht. Vila gibt beim Fernsehen kulturelle „Mitternachtstipps“, Renz ist Drehbuchautor, besonders für Soaps.
 

Langeweile und Affären

Unter der gutsituierten Langeweile lauern Melancholie, Angst vor dem Alter, Trauer über verpasste Chancen und noch immer die Sehnsucht nach großen Gefühlen. Und so entsteht zwischen Renz und der an Brustkrebs erkrankten Producerin Marlies, Anfang 40, eine Affäre. Vila wiederum verliebt sich in den jüngeren Bühl, den Mieter ihres Hauses am Gardasee und Verfasser einer Biografie des Heiligen Franz von Assisi. Für weiteren Wirbel sorgt die erwachsene, schwangere Tochter Katrin, die das Kind abtreiben will.
 
Geschickt verwebt Kirchhoff die Liebesgeschichten seiner gebrochenen Figuren zu einem Beziehungsgeflecht, wobei er die des Franziskus mit vielen erfundenen Details ergänzt und sogar einen Liebesakt zwischen dem Heiligen und Klara schildert. Liebe ist eine Himmelsmacht? Für Kirchhoff eher nicht: Reine Gotteshingabe, Selbstlosigkeit und Liebe ohne Begierde scheint es für ihn nicht einmal als literarischen Gegenentwurf zu all den Irrungen und Wirrungen der irdischen Gefühle zu geben. Und er schreckt auch nicht davor zurück, den Missbrauch Bühls im Internat am Bodensee zu beschreiben – auch eine (Ab)art der Liebe.
 

Ehe als Irrtum

"Lange Ehen sind geliebte Irrtümer" schreibt Kirchhoff am Ende. Vila und Renz immerhin bleiben zusammen, und das auch wegen dem, was man Liebe nennt. Oder vielmehr die Sehnsucht danach, denn: "Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam", lautet der erste Satz des Roman. Der Verfasser warnt schon zu Beginn: "Aber welches Liebesglück ist schon originell, und welches Sehnen hat nicht etwas von einem Gedicht, das die Zeiten überdauert? Es gibt kein modernes Unglück, es gibt nur das alte Lied."
 
 
 

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