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Kanada

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Dell Parsons ist 15, mitten in der Pubertät und damit an der Schwelle zum Erwachsensein. Ausgerechnet jetzt muss sein Leben völlig aus dem Ruder laufen, nur weil seine Eltern so blöd waren, eine Bank zu überfallen. Zwei brave, unbescholtene Bürger, obwohl: Dells Vater, einst Mitglied der US Air Force, ist ganz so unbescholten doch nicht.
Er macht Geschäfte mit Indianern, die Rinder stehlen, sie zerlegen und das Fleisch an einen Speisewagenschaffner der Bahn verscherbeln. Dells Vater ist der Mittelsmann. Aber diesmal ist etwas schief gelaufen, und jetzt wollen die Indianer 2000 Dollar von ihm – oder es passiert Schlimmes. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Weil es keine Alternative zu geben scheint, macht auch Dells Mutter beim Bankraub mit – und sie werden prompt geschnappt.
 
Vorbei ist es mit dem Familienleben in Great Falls im US-Staat Montana im Jahr 1960. Brüchig war das Familienidyll zwar ohnehin schon, doch jetzt sind Dell und seine von ihm so verschiedene Zwillingsschwester Berner allein. Die Eltern sitzen im Gefängnis. Und wenig später ist Dell vollends allein: Berner verschwindet nach Kalifornien. Und was bleibt für Dell? "Kanada", so der Titel des neuen Romans von Richard Ford.
 
 

Brutale Welt der Erwachsenen

Eine Freundin der Familie bringt den Jungen über die Grenze zu ihrem Bruder Arthur Remlinger, einem schrägen Vogel, bei dem Dell Unterschlupf findet, um nicht in den USA in einem Heim zu landen. Doch das Leben, das ihn dort erwartet, hat mehr mit Alptraum als mit Traum zu tun.
 
Schuld und Unschuld: In diesem Spannungsfeld entwickelt Richard Ford seine Geschichte, die er akribisch genau erzählt: den Überfall, die Flucht nach Kanada, das einsame Dasein in einer brutalen Welt der Erwachsenen. Es ist ein Entwicklungsroman, bei der die Entwicklung des Helden aber im Zeitraffer vor sich geht. In wenigen Monaten lässt der Junge die Kindheit hinter sich und lernt kennen, was es heißt, erwachsen zu sein.
 
 

Große Literatur

Dell ist inzwischen Mitte 60 und blickt zurück auf dieses Schicksalsjahr, in dem sein künftiges Leben erbarmungslos vorgezeichnet wird. Ohne Selbstmitleid erzählt er von seiner Verlorenheit, von seiner Sehnsucht nach menschlicher Wärme, die ihm in dem Drecknest in Kanada keiner gibt. Es ist die Welt der harten Männer mit dunkler Vergangenheit, und der Junge gerät völlig ahnungslos mitten hinein. Dell lernt schnell, dass die Grenze zwischen Gut und Böse ganz schmal und furchtbar schnell überschritten ist.
 
Ford erzählt seine Geschichte in der wunderbar einfachen Sprache des Jungen, dem sich jedes Detail ins Gedächtnis gebrannt hat. Es ist ein großes Staunen, mit dem der alte Dell sich nach so vielen Jahren an das erinnert, was ihn geprägt hat. Ein Staunen, dem aber auch immer die Hoffnung innewohnt, dass alles gut werden kann. In genau dieser Schnittstelle zwischen Hoffen und Bangen ist schon immer große Literatur entstanden.
 
 
                  

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