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Eine Welt ohne Vergessen

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Manche Geschichten ändern sich nie. Nehmen wir den armen Gesellen Gregor Samsa, der eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht – und sich von Franz Kafka in einen Käfer verwandelt sieht. 1912 erschien die Erzählung "Die Verwandlung", die an Beunruhigungspotenzial bis heute nichts eingebüßt hat. 100 Jahre später entwirft Benjamin Stein in "Replay" ein ähnlich bedrohliches Szenario.
 
Ed Rosen erwacht eines Morgens, und unter seinem Bettlaken sieht er einen Huf hervorblinzeln. "Ich fürchte mich vor Erscheinungen", lässt Benjamin Stein seinen Protagonisten murmeln, "die ich nicht selbst erfunden habe." Damit sind die Marken festgesetzt, sollte man meinen. Doch mit seinem Ed Rosen hat Benjamin Stein eine höchst zwiespältigen Helden geschaffen, von dem der Leser nicht loslassen kann und schon gar nicht möchte, der aber in seiner ganzen Ambivalenz kein Mitleid erregt.
 
 

Vom Versuchskaninchen zum Manager

Ed ist zweifellos ein Nerd wie er zu Hunderten im Silicon Valley zu erleben ist. Informatiker, Spezialgebiet biomedizinische Informatik. In der nahen Zukunft entwickelt Benjamin Stein nun eine Versuchsanordnung, die den Leser irritieren muss. Steins Held wird erst Versuchskaninchen, dann leitender Manager einer Facebook nicht unähnlichen Krake von Firma, die mit Implantaten, sogenannten Unicoms ein neues multimediales und sehr lukratives Handelsgebiet erobert hat. Das Unicom nimmt alles auf, so dass ein gnädiges Vergessen dem Menschen genauso wenig möglich ist wie eine unbeobachtete Minute. Das Upgrade, Verschönerung oder Abänderung der Vergangenheit soll alles aufwiegen. Eine fürchterliche Transparenz entwickelt sich, die in Tyrannei münden muss.
 
So weit die Geschichte, die Benjamin Stein in seinem konzentriert und kühl erzählten Roman zu entwickeln weiß. In einer Nebenrolle jedoch hat Wikileaks-Begründer Julian Assange, der in diesem Umfeld geradezu als Waisenknabe erscheinen muss, einen köstlichen Mini-Auftritt. Ironiefähig ist er, dieser Benjamin Stein, der 1970 in Berlin geboren, selbst der Informationstechnologie als Berater verbunden ist. Er lässt Assange eine Oppositions-Bewegung gründen, die von Ed Rosen, der nicht mit gesundem Verstand aus dem Schlamassel herauskommen wird, als "Last Order Amish" abgetan wird. Gute Aussichten sind das.
 
 
            

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