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Die Kunst des Feldspiels

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Eines gleich vorweg: "Die Kunst des Feldspiels" handelt zwar vor allem von Baseballspielern und ihrem Umfeld an einem College in Wisconsin, doch auch ohne Kenntnis des Regelwerks dieser amerikanischsten aller Sportarten ist der Roman von Chad Harbach ein Genuss.
 
Da ist Henry Skrimshander aus einem Kaff in North Dakota, 17 Jahre alt und ausgestattet mit einem begnadeten Wurf- und Fangarm. Mike Schwartz vom Westish College beobachtet ihn beim Trainieren und weiß sofort, dass er das größte Baseball-Talent seit Jahrzehnten entdeckt hat: "Der Junge glitt in den ersten Aufsetzer hinein, nahm den Ball mit nachlässiger Anmut in seinem Handschuh auf, drehte sich und warf zur First Base. Obwohl die Bewegung schleppend war, schien der Ball von seinen Fingerspitzen weg zu detonieren und immer schneller zu werden, während er das Spielfeld durchquerte.Mit dem Geräusch einer abgefeuerten Pistole knallte er in den Handschuh des First Baseman."
 
 

Der alles verändernde Wurf

Es ist die Selbstvergessenheit, die Henry diese Brillanz verleiht, die völlige Hingabe an den Wurf, ohne über Technik, Geschwindigkeit oder Ziel nachzudenken. Doch dieses Sich-Verlieren im Spiel funktioniert nur, so lange das Leben des Henry Skrimshander unbeschwert ist.
 
Als die Spielerbeobachter der Profiteams auftauchen und Henry ein furchtbarer Fehlwurf unterläuft, der seinen Mannschaftskameraden und Zimmergenossen Owen hart ins Gesicht trifft, ist es vorbei mit der Leichtigkeit. Ein kleiner nagender Zweifel schleicht sich in Henrys Denken, und ihm gelingt nichts mehr.
 
Die Sekunde des Versagens hat Auswirkungen auf das ganze College. Mike gerät ins Taumeln, der neu verliebte College-Präsident Guert Affenlight wird unvorsichtig, und seine Tochter Pella fängt ein neues Leben an, alles wegen Henry.
 
Chad Harbachs auffälligstes Stilmittel ist die Melancholie, mit der er seine Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Baseball-Talents erzählt, dessen zerbrechliche Psyche Harbach in aller Tiefe auslotet. Henrys Fehlwurf setzt Entwicklungen in Gang, in denen die ewigen amerikanischen Werte wie Fleiß und Opferbereitschaft hinterfragt werden.
 
 

Die Kunst des Lebens

"Die Kunst des Feldspiels" handelt in erster Linie von der Kunst des Lebens, die nur die Wenigsten zu beherrschen scheinen. Auf diesem Spielfeld sind weder Henry noch der Rest des Romanpersonals Jahrhunderttalente. Selbst der leidenserprobte Affenlight scheitert angesichts einer Herausforderung, die sich ihm so noch nie gestellt hat: Er entdeckt seine homosexuelle Neigung zu Henrys Zimmergenossen Owen.
 
Die Kunst des Chad Harbach, der neun Jahre an diesem Buch geschrieben hat, ist es, seine Geschichte um Liebe und Einsamkeit nicht nur höchst elegant zu erzählen, sondern seinen Figuren Konturen zu verleihen, die unsere eigenen sein könnten. Und darum ist man fast ein wenig traurig, nachdem die letzte Seite gelesen ist.
 
 
       

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