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Von Abschieden und einem Sexvideo

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Filmfestivals und Regisseurinnen: In den vergangenen Jahren ist dieses Thema kontrovers diskutiert worden. Stichwort Quote. Während das Publikum schon lange eine stärkere weibliche Repräsentation hinter der Kamera fordert, folgen die wichtigen Filmfestivals nur langsam. Ein Blick zurück: 2010 konkurrierten nur drei Regisseurinnen um den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig, drei um den Goldenen Bären in Berlin und keine Einzige um die Goldene Palme in Cannes. Bei der diesjährigen 71. Ausgabe der Berlinale sind im Wettbewerb zehn Regisseure und fünf Regisseurinnen vertreten.
 
Eine von ihnen ist Céline Sciamma, der mit „Petite Maman“ ein unaufgeregter, gehaltvoller Film gelungen ist. Die achtjährige Nelly (Joséphine Sanz) muss den Tod ihrer Großmutter verkraften und hilft ihren Eltern beim Ausräumen des Hauses, in dem ihre Mutter Marion (Nina Meurisse) aufwuchs. Als diese plötzlich abreist, lernt Nelly im Wald ein gleichaltriges Mädchen (Gabrielle Sanz) kennen. Schnell ist klar, dass es sich dabei um ihre Mutter als Kind handelt. Sciamma verhandelt liebevoll, poetisch und mit der Fantasie eines Kindes die Themen Abschied und Erinnerung.

Bissig

Der rumänische Regisseur Radu Jude schickt unter dem sperrigen Titel „Bad Luck Banging or Loony Porn“ eine kluge Satire ins Rennen um den Goldenen Bären. Das Sexvideo der Lehrerin Emi (Katia Pascariu) taucht im Internet auf, nun muss sie sich dafür in ihrer Schule verantworten. So viel zur Ausgangslage, aus der Jude einen derb bissigen Trip entspinnt, der gesellschaftlich fest verankerte Vorurteile, Sexismus, Antisemitismus und Schwulenfeindlichkeit schamlos offenlegt. Aufgeteilt in drei Kapitel, stellt der Regisseur im zweiten Teil des Filmes „ein kleines Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder“ zusammen, das in schneller alphabetischer Reihenfolge dunkle Seiten der rumänischen Geschichte und Gegenwart durchleuchtet.
 
Ein modernes Märchen liefert Regisseur Alexandre Koberidze mit „What Do We See When We Look at the Sky?“. Oberflächlich betrachtet, ist die georgisch-deutsche Produktion die Geschichte zweier Liebender, Lisa und Giorgi, die zufällig aufeinandertreffen, doch deren Liebe mit einem Fluch belegt ist, sodass sie sich nicht wiedererkennen können. Doch der Film ist auch eine mäandernde Entdeckungsreise durch das alltägliche Leben einer georgischen Stadt, die mit zweieinhalb Stunden Laufzeit dann doch mit einigen Längen kämpfen muss.
 
In „Forest – I See You Everywhere“ entfacht der Ungar Benedek Fliegauf in sieben kurzen Episoden, die offensichtlich nur entfernt zusammenhängen, einen regelrecht hypnotischen Sog. Viel wird verhandelt – Rache, Schuld, Religion, Tod und Eifersucht. Fliegauf lässt den Zuschauer nur ganz selten ein Muster oder den größeren Zusammenhang erkennen, hält ihn aber mit intensiven und intimen Momenten dauerhaft bei der Stange.

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