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Hip-Hop trotz Corona

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Eminem, der „King of Rap“, setzt Anfang des Jahres mit  einem elften Studioalbum „Music to Be Murdered By“ die Messlatte erneut sehr hoch. Wie schon bei seinem Vorgängeralbum „Kamikaze“ kam „MtBMB“ komplett ohne Ankündigung oder Promophase auf den Markt, und schaffte es dennoch mit Leichtigkeit an die Spitze der Charts. Wie man es von Eminem gewöhnt ist, wird man mit Lyrics überschüttet. Vor allem der Song „Godzilla“ sticht sehr heraus. Zum einen, weil der „King“ noch schneller Doubletime rappt als auf dem Song „Rap God“ (2013), was viele für unmöglich hielten, zum anderen, weil der im Dezember 2019 verstorbene Juice Wrld hier überraschenderweise die Hook singt.

Versteckter Hip-Hop- Schatz

Während Eminem für die meisten wohl auch außerhalb vom Hip-Hop kein unbekannter Name ist, so unbekannt ist der Name R.A. the Rugged Man selbst für manche Hip-Hop-Fans. Obwohl er schon seit den 90ern im Hip-Hop mitmischt, und etwa mit The Notorious B.I.G. schon zusammengearbeitet hat, ist R.A. immer noch ein versteckter Schatz im Hip-Hop. Mit seinem nun dritten Album „All My Heroes Are Dead“ (April 2020) liefert Rugged Man sein vermutlich bis dato auch bestes Projekt. Er lässt den Oldschool-Boombap-Sound wieder auferstehen und das auf lyrisch höchstem Niveau. Zudem ist die Liste der Features unglaublich, und unglaublich lang.

Vom Hip-Hop-Urgestein Ice-T über mehrere Wu-Tang-Clan-Mitglieder bis hin zu Kool G Rap oder Chuck D von Public Enemy, um nur einige der 25 Gäste zu nennen. Vielleicht wird R.A. the Rugged Man mit diesem Projekt endlich zu der Legende, die er eigentlich schon längst sein sollte. Wer sich seinen Legenden-Status mittlerweile erarbeitet hat, ist Logic. Spätestens mit seinem neuen und, laut eigener Aussage, letzten Album, „No Pressure“ (Juli 2020) kann man Logic mit zu den Besten zählen. Für dieses letzte Projekt hat er sich wieder mit dem Produzenten No I.D. zusammengetan.

Wie schon bei seinem Debütalbum „Under Pressure“ vor sechs Jahren, klingt das Gesamtpaket dadurch am Ende einfach am passendsten für Logics Rap-Stil. Damit beendet er seine Karriere mit einem seiner besten Werke. Wer sich fragt, warum er gerade jetzt aufhören will: Der 30-jährige Rapper ist vor Kurzem Vater geworden und will nun ganz für seinen Sohn da sein. „Little Bobby“ ist übrigens auch als Gast auf dem Song „A2Z“ vertreten.

Kampf gegen Rassismus

Während Logic in die Vaterrolle schlüpft, sind viele andere Rapper in Amerika im Moment damit beschäftigt, ihr Sprachrohr zu nutzen, um gegen den Rassismus in ihrem Land zu kämpfen. Den Soundtrack für den Widerstand hat dafür das Hip-Hop-Duo Run the Jewels mit seinem neuen Album „RTJ4“ (Juni 2020) geliefert.

Extrem wut- und energiegeladen vermischen sich hier systemkritische Zeilen mit einem auffälligen und eher ungewöhnlichen Soundbild. Auch die letzten Worte von George Floyd „I can't breathe“ werden hier zum Beispiel nachdenklich und ernst auf einem sehr Sirenen-ähnlich klingenden Beat umgesetzt („Walking in the snow“). Der Tod von Floyd wurde in den Staaten von sehr vielen Hip-Hop-Künstlern thematisiert.

Zum Greifen nahe

Trotzdem warten noch viele darauf, dass der Pulitzer-Preis-Gewinner Kendrick Lamar endlich neue Musik rausbringt und sich darin auch zu dem Thema äußert. Dieser hatte 2017 mit seinem letzten Album „Damn“, wie schon auf den Alben zuvor, den Rassismus zum Greifen nah an die Hörer herangebracht. Wer in der deutschen Rap-Szene sehr an Kendrick Lamar erinnert und bei dem man ebenfalls auf neuen Output hoffen darf, ist OG Keemo. OG Keemo besteht aus Keemo, dem Rapper, und dem Produzenten Funkvater Frank. Vereint ergeben die beiden den perfekten Mix aus Classic-Boom-bap- und Newschool- Hip-Hop-Sound, gepaart mit lyrischem Niveau. Auf dem Debütalbum „Geist“ (November 2019) werden sehr viele persönliche Geschichten von Keemo in Flows und Reimketten erzählt, der wohl auch schon sein ganzes Leben mit Rassismus zu kämpfen hatte.

Vor allem beim Song „216“ könnte man fast meinen, er wäre dieses Jahr erst erschienen. Dass US-Künstler im Hip-Hop mit deutschen Künstlern zusammenarbeiten, kommt immer häufiger vor. Eine neue solche Kollaboration, die ein sehr stimmiges Projekt mit UNO (Mai 2020) abgeliefert hat, besteht aus dem deutschen Rapper Umse und dem US-Produzenten Nottz. Zehn Oldschool-Boom-bap-Songs mit entspanntem, simplem Rapstil und US-Sound vom Feinsten. Trotz des simplen Prinzips reflektiert Umse zum Teil sehr nachdenklich und greifbar in seinen Zeilen und rappt alles in allem sehr stilsicher.

Allstars auch in Deutschland

Auch wenn ein US-Produzent schon sehr viel zu einem guten Hip-Hop-Album beitragen kann, gibt es auch in Deutschland schon echte Schätze, was den Sound angeht. Oft kriegen Produzenten nicht das Stück vom Kuchen ab, dass sie verdient hätten. Meistens erntet der Rapper den Ruhm, obwohl sich viele Hörer heutzutage im Hip-Hop hauptsächlich auf den Beat konzentrieren.

Das Produzententrio Kitschkrieg aus Berlin hat es nun mit seinem ersten eigenen Album „Kitschkrieg“ (August 2020) geschafft. Und die Gästeliste kann sich sehen lassen: Ein Allstar-Lineup an deutschen Künstlern: Von Kool Savas über Peter Fox bis hin zu RIN, alle Generationen sind vertreten. Sogar Nena kommt zusammen mit Trettmann auf dem letzten Song vor. Auf diesem Album ist auf jeden Fall für jeden etwas dabei. 

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