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Salz in der Gedankensuppe

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Wenn Hiser über die Freiheit singt, dann singt sie nicht einfach über die Freiheit: Hiser singt um ihr Leben, eindringlich, dunkel, verzweifelt. Freiheit, das ist für die junge Sängerin mit kurdischen Wurzeln nicht einfach ein Wort, das man in Sonntagsreden herauskramt, an Rosa-Luxemburg-Gedenkveranstaltungen zitiert und in einem Janis-Joplin-Lied hochleben lässt.

Immer wieder

"Freedom' just another word for nothing left to lose?“ Hiser Sedik, Sängerin der vielfach ausgezeichneten Band Rahî, die einen langen Abend in der Ebene 3 eröffnete, kann darüber wahrscheinlich nicht einmal müde lächeln. Ihre Eltern sind vor vielen Jahren geflüchtet, um in Freiheit und Würde leben zu können. Als vor einigen Jahren Jesidinnen in Gefahr gerieten, ist Hiser auf eigene Faust ins Krisengebiet gefahren, um zu dolmetschen. Hiser und ihr Bruder Rager, der für die Lyrics von Rahî verantwortlich zeichnet, wissen, worüber sie singen.

Beschwörend und abgeklärt erzählen sie in ihrem Lied "Immer wieder“ von Fluchterfahrungen der Menschen, wie sie immer wieder und überall in allen Epochen der Menschheitsgeschichte durchlitten wurden und werden. Don Jahin spielt die Gitarre, Sahin Kablan die Cajon, ein denkbar einfaches Schlagwerk von Holzkiste.

Rahî, die in den letzten drei Jahren etliche Musikwettbewerbe für sich entschieden haben, darunter den Preis der Jungen Akademie Barmherzigkeit der katholischen Bischofskonferenz und den "Bunt statt Braun Award“ – ein so dümmlicher wie treffsicherer Titel für eine Auszeichnung – füllen den Freiheitsgedanken mit Inhalt: mit unaufdringlicher Penetranz.

Ganz anders

"Leben im Plural“ heißt dann bei ihnen schön sperrig ihr Plädoyer für Toleranz. Hiser lässt sich vom Rhythmus treiben, das Publikum schließt sich ihr an, so könnte es ewig weiter gehen. Wird es aber nicht, eine zweite Band ist vorgemerkt und ein Wiedersehen mit dem Gitarristen Don Jahin, der jetzt aber als Speedy Jahin vorgestellt wird. Tatsächlich ändern sich Ton wie Klangfarbe, wenn Kopfundherz die Bühne betritt, ein Quartett, das hier als Trio auftritt und sich vor fünf Jahren getroffen hat, um dem Genre des Deutschpop-Raps eine Frischzellenkur zu verpassen.

Statt der dunklen, souligen Vokalistin Hisers ist es nun Chillhan, der singt. Sein Ton ist leichter, poppiger, gelegentlich wird auf der Bühne gepflegt gerappt. "Mukke oder Tod“ heißt ihre erste EP mit sieben Songs, die Kopfundherz jüngst veröffentlicht hat, ein Titel, der Rahî, die dem Tod in ihren Songs ganz anders begegnen, nie unter die Feder gekommen wäre.

Gemeinsamer Abschluss

Kopfundherz beschäftigen sich dann auch lieber, ganz in der Tradition der deutschen Liedermacher, mit Innerlichkeiten. In ihrem Song "Labyrinth“ fragen sie dann allen Ernstes schon einmal "mach ich weiter oder scheitere ich am Gegenwind?“ Doch der Gegenwind stellt sich als mau heraus. Selten verirrt sich das von Kopfundherz propagierte "Salz in der Gedankensuppe“ tatsächlich in ihre Songs.

Schließlich ist es dann die umwerfende Hiser, die in Heilbronn auch als Projektpartnerin an Schulen angefragt wird, die noch einmal die Bühne betritt: Mit ihrer dunklen Stimme wird sie sich einen Song von Kopfundherz zu eigen machen. Die Welt ist wieder in Ordnung.

 

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