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Ein Leben mit dem Rock´n´Roll

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Die Tollhouse Gang ist in Fahrt gekommen. Es ist das sechste Lied. Das Publikum hat sich warm getanzt, johlt, schunkelt, lacht, reckt die Hände in die Höhe. "Jetzt kommt Rüdis Lieblingssong", ruft Dominik Asal, 18 Jahre jung, für alle nur Domi, und seit kurzem Sänger der Band. "Hier kommt ,Marmor, Stein und Eisen bricht’." Bei den Zuschauern bricht ein Jubel aus wie beim 1:0-Siegtreffer von Mario Götze im WM-Finale. 

Nichts gegen all die anderen Bands, die beim Friedrichshof-Festival in Obersulm auftreten. Die Schülerband Relation, die dem Publikum davor einheizt oder Boris and the Bacons aus Ungarn, die danach spielen. Sie alle sorgen für Stimmung, sie grooven, aber so ausgelassen wie die Tollhouse Gang, die Band aus Bewohnern und Mitarbeitern der Stiftung Lichtenstern, rockt hier niemand sonst. Stolz stehen sie auf der kleinen Bühne und feiern mit dem Publikum eine große Party.

"Es ist Musikzeit, die andern tun uns leid. Wir rocken, bis die Schwarte kracht. Es ist Musikzeit, heut’ Nacht, heut’ Nacht", singen Domi und die Band, auch wenn es noch taghell ist. "Die Stars sind heute wir, das geht bei uns auch ohne Bier." 

"Musikzeit" heißt der erste Song – Mitarbeiter Bernd Schmidgall hat ihn wie viele Texte zusammen mit Bewohnern geschrieben. Vor mehr als zehn Jahren ist die Tollhouse Gang aus einem Projekt des Friedrichshofs, einer Zweigstelle der Behinderteneinrichtung Lichtenstern, hervorgegangen. Seitdem ist das Festival ein Heimspiel für die Band.
 

Vorbereitung


Zwanzig Minuten bevor die Tollhouse Gang loslegt, bringen die Betreuer Gitarrist Gerd Wasserbäch im Rollstuhl zur Bühne. Sonst sitzen eine Puppe und ein Teddy auf seinem Schoß, jetzt müssen sie seiner braunen Ibanez-E-Gitarre weichen. Lange bevor die anderen Bandmitglieder eintreffen, schlägt er die ersten Akkorde an.

Rüdi Mahl rockt im Pur-T-Shirt noch zur Band Relation ab, ehe er sich seine Gitarre umhängt. Michael Raisig trifft mit seinem Schellenkranz erst ein, als die Band schon das erste Lied zu Ende gespielt hat. Und dass Norbert Fach mit seiner Rassel auf die Bühne tritt, ist eine Seltenheit, erzählt Betreuer Simon Hirsch. Normalerweise sei er zwar immer bei den Proben dabei, den großen Auftritt meide er meistens.

Zu zehnt stehen sie oben auf der kleinen Bühne, acht Bewohner, Simon Hirsch und sein Kollege Bernd Schmidgall, die sich im Hintergrund halten, aber den Ton angeben. Rolf Schuh an der blauen Yamaha-E-Gitarre ballt die Faust zur Rockstar-Pose, Sascha Graf am Keyboard setzt sein breitestes Lachen auf, um dem Fotografen zu imponieren. "Das nächste Lied ist ein eigenes", kündigt Sänger Domi derweil an. "Wer es kennt, darf gerne mitsingen."

"Wir sind die Tollhouse-Gang und machen Rock ’n’ Roll. Unsere Lieder die klingen so toll. Und wir leben – leben mit dem Rock ’n’ Roll", singen sie. 
 

Styling


Für seinen Auftritt hat sich Sänger Domi in Schale geworfen. Er trägt Hemd und Krawatte, die Haare sind gegelt. Seine Vorbilder von Bands wie Metallica und Rammstein treten schließlich auch nicht auf die Bühne, ohne gestylt zu sein, sagt er nach dem Konzert. 

Das Publikum bringt die Musiker auf Trab. Zwei Tage vorher, als sie die Stücke im Proberaum im Haus im Park noch einmal üben, spielen sie eher behäbig. Jetzt auf der Bühne stehen sie unter Adrenalin und genießen es, im Mittelpunkt zu sein. Schon bevor sie den ersten Ton anstimmen, ruft Keyboarder Sascha "Zugabe" in Richtung Publikum.

Wen kümmert’s, wenn ein paar Töne daneben gehen. Bei zehn Leuten auf der Bühne darf der eine oder andere Musiker auch kurz mal ein Päuschen einlegen und mit den Zuschauern schäkern. Von den drei E-Gitarren der Bewohner ist ohnehin immer höchstens eine zu hören. Jede ist auf einen anderen Akkord gestimmt. Simon Hirsch schaltet sie per Fußpedal zu. So dürfen die Songs der Band nur drei Akkorde haben. Keyboarder Sascha Graf bekommt über Farbsignale am Notenständer angezeigt, welche Tasten er gerade anschlagen muss. Jedes Lied, das die Band einübt, muss vorher umgeschrieben werden.
 

Takt


"Der Micha macht den Takt, weil er so cool drauf ist. Der Domi singt sich den Mund ganz wund. Der Simon macht die Sache rund", singen sie in „Hustabombo“ (Hustenbonbon). "Wir sind die Gangster vom Hof – und koi Hustabombo. Und wo wir auftreten, da werdet ihr was erleben." Die Zuhörer sind entzückt. "Domi, wink e’ mol", ruft’s aus dem Publikum. "Supergeil", "Weiter geht’s." Einige Fans sitzen auf der Bühne. Angehörige sind gekommen, Betreuer, Freunde, Fremde. Musik verbindet. Ob mit Handicap oder ohne spielt hier keine Rolle. 

Neben Liedern mit eigenen Texten hat die Tollhouse Gang Coversongs im Repertoire. "Die Affen rasen durch den Wald", "Auf der schwäbsche Eisenbahne", "Live is Life" von Opus oder "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen, das Lieblingslied von Sänger Domi und Schlagzeuger Oliver Dochtermann. 
 

Schlussakkord


Oli hat in Öhringen, wo er in einer Außenwohngruppe lebt, Schlagzeug in der Musikschule gelernt. Seit zwei Jahren spielt der 29-Jährige in der Tollhouse Gang. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, glücklich schwärmt er nach dem Schlussapplaus von dem Auftritt. "Voll abganga", sagt er. "Die Zuschauer waren voll dabei."

Sänger Domi spielt in einer Schulband noch Cajón, eine Kistentrommel. Das Friedrichshof-Festival war bisher sein größtes Konzert. Ob er aufgeregt war? "Gar nicht arg." Vorbereitung ist alles. Die Ansagen zwischen den Liedern hat er in den Tagen vor dem Konzert laut gelesen, sich viele Lieder noch einmal im Original angehört. Auch Gitarrist Rolf Schuh ist nach dem Auftritt sichtlich entspannt. Wie es war? "Hat alles geklappt", sagt er mit einem souveränen Lächeln. "Alles wunderbar."
 

Improvisation


Nach dem Konzert geht für Simon Hirsch der Einsatz weiter. Der 36-Jährige ist nicht nur Betreuer, Sänger und Bassist der Band, sondern auch Organisator des Festivals. Beim Aufbau hat er mitgeholfen, am Konzerttag ist er seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Ein bisschen Chaos und Improvisation gehören an dem Tag dazu.

Die Tollhouse Gang hat schon viele Konzerte gespielt – auf dem Gaffenberg in Heilbronn, beim Römersee-Festival in Bad Rappenau oder beim Feuerwehrfest in Unterheinriet. Mehrfach hat die Besetzung gewechselt, manche Bandmitglieder sind in die Jahre gekommen. Gerd Wasserbäch und Norbert Fach gehen aufs Rentenalter zu. Früher, erzählt Simon Hirsch, sind sie manchmal am späten Abend aufgetreten. Das sei heute nicht mehr möglich.

"Um halb elf ist mit Gerd nicht mehr viel anzufangen", sagt er. Aber auch am Nachmittag oder frühen Abend haben sie den Groove. Ans Aufhören denkt niemand. Alle zwei Wochen bebt der Proberaum auf dem Friedrichshof. Im Spätherbst steht der nächste Auftritt an in der Kneipe in Lichtenstern. Was wäre das Leben ohne den Rock ’n’ Roll?

 

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