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Der Patriarch in der Welt des Glitzers

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Für die Bewohner des mediterranen Raums bedeutete die unfreiwillige Begegnung mit der Tarantel schon immer mehr als die bloße Kontaminierung mit einem ziemlich fiesen Spinnengift. Übelkeit, obszönes Verhalten und rasende Wut als pharmakologische Konsequenz mündeten nicht selten in jenes gefürchtete Phänomen des „Tarantismus“, das in der Kulturgeschichte Südeuropas weitaus mehr hervorgebracht hat als die Tarantella, den Star einer jeden folkloristischen Tanzdarbietung im Golf von Neapel.

So ist die Tarantel eben auch ein mystisch-rituelles Zeichen für ungelöste Konflikte, die im Unbewussten vergraben sind, ihr Tanz Symbol für die Bewältigung unverarbeiteter Vergangenheit.

Benjamin Hille strahlt

Wenn Philipp Wolpert und Tobias Frühauf mit ihrem Theaterlabel „Tacheles und Tarantismus“ also nicht nur einen geschmeidigen Stabreim bedienen, sondern auch Standards für ihre Theaterarbeit definieren, wird der Protagonist ihrer neuesten Produktion „Jetzt!“, die am Freitagabend in der Aula des Bildungscampus' vor einem begeisterten Publikum Premiere feierte, diesem Anspruch in höchstem Maße gerecht. Es ist der Stuttgarter Schauspieler Benjamin Hille, der seinen abgehalfterten Möchtegern-Popstar Nils für zwei atemberaubende Stunden nicht nur Tacheles -Klartext sprechen, sondern im Sinne des Tarantelgifts auch die Grenzen seiner multiplen Existenz ausloten lässt – hier die Tristesse einer Wohnwagensiedlung, dort der extraterrestrische Glamour fiktiver Bühnenauftritte.

Weitere Rollen

Sind es im deprimierenden Ambiente der heimischen Abgeschiedenheit der rollstuhlfixierte Opa Frank, den Andreas Posthoff virtuos als „dirty old man“ zeichnet, und Tochter Gloria, die mit einer überragenden Thea Raschke eine überzeugende Metamorphose vom Teenie-Dummchen zum Nachwuchsstar erfährt, so wartet jenseits des Trailerparks Barkeeperin Stella.

Lena Schmidtke wird in diesem großartigen Verwirrspiel aus tranquilizergetränkter Realität und der Brüchigkeit eines fiktiven Bühnenkosmos die entscheidende Rolle spielen. Als Verführerin, Entlarverin und „Dea ex machina“ im besten Sinne. Große Klasse, wie Regisseur Philipp Wolpert seine Sympathieträgerin mittels Bildschirm-Kulisse mit ihren Ensemblemitgliedern kommunizieren lässt und durch ausgeklügelte Licht- und Tonregie den Charme des Bühnenbilds von Teresa Heiß interpretiert, ohne seine Regieeinfälle zu strapazieren.

Ist das große Thema des Glam-Schauspiels die Musik, so ist sie auch das Vehikel zwischen den Welten. Das wird dirigiert von Helmut Dubnitzky, der computerbewehrt und mit einem Plastiknimbus versehen, gleichsam als Gottvater des Techno-House, für akustische Endlosschleifen sorgt, und dem an Keyboard, Trompete und Schlagzeug gleichermaßen versierten Duo Onomatopoai.

Glamour als Zerrbild

Autor Tobias Frühauf lässt an seinem opulenten Glamouropus auch das Publikum teilhaben, etwa wenn Vater und Tochter als vermeintliche Rockstars mit ihm kommunizieren. „Der Glamour ist ein Zerrbild unseres Inneren“, weiß der Held der flimmernden Geschichte und outet sich auf seiner Flucht in Privatheit und Systemausstieg trotz progressiver Ambitionen in der virtuellen Welt des Glitzers ganz nebenbei als Patriarch und Verschwörungstheoretiker.

Mit „Jetzt!“ ist dem famosen Theaterduo Tacheles und Tarantismus ein wunderbarer Parforceritt von der Welt der Popkultur der späten 70er Jahre zum Technokosmos der Jahrtausendwende gelungen, oszillierend und im besten Sinne berauschend.

Termine und weiteres Programm

Nach dem Erfolg des ersten Heilbronner Theater Sommers im vergangenen Jahr startet das junge Theaterlabel
Tacheles und Tarantismus unter dem Motto „Heilbronn ist Kult“ in Kooperation mit der Stadt Heilbronn und der Württembergischen Theaternachwuchsförderung Neckartal e.V. mit gleich fünf Produktionen in die zweite Auflage des Theaterfestivals. Unter Vorbehalt aktueller Einschränkungen durch Corona sind geplant:


„Jetzt“: 16., 17., 30., 31. Juli,  Aula Bildungscampus
„Hyperion“: von Friedrich Hölderlin,  2. Juli, Deutschhof
„Rave“: szenisches Konzert,  9. und 10. Juli, Deutschhof
„Switch Punkcast“: Live-Radio-Show, 23. Juli, Inselspitze
„Ben – allein zu House“: Techno-Zeitreise, 24. Juli, Deutschhof. 

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