Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Mit Extra-Turbo auf die Bühne

zurück zur Übersicht

Wenn Jean-Marc Lorber einen Ohrwurm hat, dann kann es schon mal passieren, dass er nicht mehr an sich halten kann und ihn herausschreit. „Das ist wie beim Niesen. Man kann es kontrollieren, aber irgendwann eben nicht mehr“, sagt der 41-Jährige über seine vokalen und motorischen Tics. Denn Jean-Marc Lorber hat das Tourette-Syndrom. Im Alltag schlägt er sich deswegen etwa oft mit der flachen Hand auf den Kopf und fährt durch seine Haare, schnaubt, quietscht, fiepst dazu. „Ich imitiere den halben Zoo“, scherzt er.

Steht der Musiker, der in Freudental aufgewachsen ist, aber konzentriert auf der Bühne, spielt dort Keyboard und singt, sind seine Tics fast weg. Dann wird Lorber ruhiger. „Musik“, erklärt er, „ist Therapie für mich“. Gemerkt habe er das schon im Kindesalter, als er die Motown-Platten seines Vaters angehört habe. Mit 15 Jahren heuerte er in Schülerbands an. So richtig los ging es aber 2011 mit einer Zweier-Combo. Damals trat Lorber auch in der TV-Casting-Show „X-Factor“ auf. „Ab da habe ich Blut geleckt“, erzählt er heute rückblickend.

Aus Missverständnis wird Künstlername

Nachdem sich die Combo aufgelöst hatte, folgten Zusammenarbeiten mit diversen Künstlern und ein Ausprobieren verschiedener Stile – darunter Electro, Dubstep, R´n´B und Soul. Vor vier Jahren formierte sich wieder eine Band. „Eigentlich war das nur für einen Gig gedacht, wir haben uns aber supergut verstanden“, erinnert sich der 41-Jährige. Geprobt werde unter anderem in Cleebronn und Heilbronn. Der Name der Band lautet: So Sick. Auf Deutsch heißt das soviel wie: So krank. Oder: So krass.

Auch einen Künstlernamen hat sich Lorber, der in Ambilly in Frankreich geboren wurde, verpasst, nämlich Spellfire Jamal. Spellfire nach seinem früheren Lieblingsvideospiel. Und Jamal, weil er bei einem Vorstellungsgespräch fälschlicherweise einmal mit diesem Namen und nicht als Jean-Marc begrüßt worden sei. Wenn man ihn heute so auf der Bühne ansage, denke jeder, jetzt komme ein schwarzer Rapper wie 50 Cent, sagt Lorber. „Doch dann kommt eben dieses zappelnde Weißbrot mit gefärbten Haaren. Das ist ein schöner Kontrast, ich liebe es damit zu spielen.“

Auf Augenhöhe

Jeder Moment, den er auf der Bühne erlebe, sei schön für ihn. Mitunter komme es dabei auch zu witzigen Situationen. So habe er beispielsweise bei einer Talentshow in Ludwigsburg plötzlich enorm gezwinkert. „Das war mir damals ultra peinlich. Aber danach ist ein Mädel zu mir gekommen und hat gesagt: Hey, Du hast mich die ganze Zeit so nett angeflirtet“, erinnert sich Lorber und lacht.

Überhaupt geht der Wahl-Stuttgarter humorvoll mit dem Tourette-Syndrom um, nachdem er mit 18 Jahren gelernt hat, es zu akzeptieren. Es komplett ins Lächerliche ziehen, nur um im Internet damit Klicks zu bekommen, kommt für ihn aber nicht infrage. „Man darf Sprüche kloppen und drüber lachen, wenn es auf Augenhöhe passiert und ein Informationsgehalt dabei ist“, sagt Lorber.

Aufklärungsarbeit und neues Album

Eigenen Angaben zufolge ist er hauptberuflich als Referent für Inklusionsfragen unterwegs und leistet außerdem als Zweiter Vorstand des Vereins Lifeticcer bundesweit Aufklärungsarbeit zum Thema Tourette für Betroffene, Angehörige und Interessierte.

„Wenn man es zulässt, wird bei Tourette ein kreativer Prozess in Gang gesetzt“, erklärt Lorber, „die Überenergie, die man hat, die will ja raus. Warum soll ich diesen Extra-Turbo nicht nutzen?“ Auf der Bühne jammt er gerne minutenlang mit seiner Band. „Ich liebe Impro-Sessions, bei denen ich am Anfang noch nicht weiß, was passieren wird“, sagt der gelernte Einzelhandelskaufmann, der seine intuitive Art des Musizierens Neuro-Soul nennt.

Außerdem arbeitet er an einem Album mit dem Arbeitstitel „Tourap“. Dazu baut er Beats aus seinen vokalen Tics und bastelt daraus Songs. Weil er dieses Projekt zusammen mit anderen Betroffenen machen möchte – was coronabedingt derzeit schwer zu realisieren ist – dauert es noch, bis das Album fertig sein wird. Kürzlich erschienen ist hingegen Lorbers Audiobuch „Coronette“, eine Mischung aus kurzen Geschichten und Songs, die der Musiker dazu geschrieben hat.

Koprolalie

Die Vorstellung, dass Tourette-Betroffe immer wieder unkontrolliert Schimpfworte von sich geben, ist ein Klischee, sagt Jean-Marc Lorber. Ihm zufolge tritt die sogenannte Koprolalie nur bei etwa 30 Prozent der Betroffenen auf. Erste Tics stellte er bei sich im Alter von etwa neun Jahren fest, nachdem er zuvor an einer Hirnhautentzündung erkrankt war. Diese war laut Lorber vermutlich durch einen Zeckenbiss verursacht
worden. Daneben spielten aber auch genetische Faktoren eine Rolle. chf

Galerien

Regionale Events

Barrierefreie Lesung

Hasnain Kazim liest in der Stadtbibliothek im K3 Heilbronn aus „Mein Kalifat“.