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Unerschrocken motiviert

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Aber natürlich ist Lia Chen Perlov neidisch auf ihre Landsleute. „Und wie.“ In ihrer Heimat Israel dürfen Covid-19-Geimpfte nicht nur wieder in Restaurants, sondern auch Konzerte und mehr besuchen.

Perlovs Familie und Freunde, alle sind geimpft. Sie selbst hat auch eine Impfeinladung bekommen vom israelischen Staat. „Im Sommer vielleicht fliege ich nach Tel Aviv.“ Im Moment hat die Musikerin beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn anderes zu tun. Seit März ist die 26-Jährige nicht nur die neue Cellistin beim WKO, sondern gleich auch Stimmführerin der Cellisten. Direkt von der Musikhochschule ins Orchester und dann in eine leitende Position: Chapeau. Ist sie jetzt der Boss? „Ja, das sagt man“, grinst Lia Chen Perlov. „Für mich ist das eine echte Herausforderung.“ Im Gustav-Mahler-Jugendorchester war Perlov eine von zwölf Cellisten. „Schauen wir mal, wie es wird.“ Zumal auch die Erfahrung, in einem Kammerorchester zu spielen, neu ist. „Ein Kammerorchester ist wie ein großes Streichquartett. Faszinierend.“ Anders als in einem großen Orchester mit seinen strengen Hierarchien „hat hier im Kammerorchester jeder von uns eine Stimme. Das macht den Spirit des WKO aus“.

Atem holen

Momentan muss sich das Orchester damit begnügen, eine CD nach der anderen zu produzieren. Kein Ersatz für Konzerte, findet Lia Perlov – die Chen darf man weglassen. „Aber eine Lösung während Corona. Ich vermisse das Publikum und das Gefühl, hinterher mit Kollegen zu feiern. Musiker sind viel alleine, wenn sie proben. Da ist der Live-Auftritt wie Atem holen.“

Lia Perlov kommt aus einer künstlerischen Familie. Ihre Mutter war Ballettmeisterin bei Angelin Preljocaj, hat dessen Werke weltweit einstudiert, war lange bei Batsheva Dance tätig, leitet heute das Tanzhaus in Tel Aviv und gilt in Israel als die Tanzpädagogin schlechthin. Im Alter von sechs hat Lia die Mutter an die Pariser Oper begleitet und mit sieben an die Scala in Mailand. Ihr Vater ist Tonmeister in der Filmindustrie, ihre Schwester Multimediakünstlerin in Frankfurt. Unerschrocken scheinen die Perlovs ihre Ziele zu verfolgen. Zwei Pässe besitzt die ambitionierte Cellistin, einen israelischen und einen brasilianischen. Der Großvater kommt aus Sao Paolo, wo er in der jüdischen Gemeinde ihre Großmutter kennenlernte, eine emigrierte Polin, bevor sie gemeinsam nach Israel gingen. „Im Zuge des ursprünglichen Zionismus, den es heute so nicht mehr gibt“, sagt Lia Perlov. Morgen, Dienstag, wird das israelische Parlament, die Knesset, zum vierten Mal innerhalb von zwei Jahren gewählt. Verfolgt sie den Wahlkampf? „Meine Familie in Israel ist politisch engagiert in Opposition zur Politik von Benjamin Netanjahu. Auch ich will eine Veränderung. Wenngleich ich skeptisch bin, der Erfolg der Impfpolitik spielt Netanjahu in die Karten.“

„Cello“, erzählt Lia Perlov, „war nicht meine erste Wahl.“ Sie wollte Geige spielen. Doch die vier Jahre ältere Schwester dachte sich, eine Violine ist zu hoch in der Lage, das nervt beim Üben nur die anderen. Und so hat sie die neunjährige Lia überredet, Cello zu studieren. „Ich bin ihr ewig dankbar.“ Ein Grund, später, im Alter von 19 Jahren, die musikalische Ausbildung in Deutschland fortzusetzen, ist, dass es für Lia Perlov nicht vereinbar war, klassische Musik zu studieren und zur Armee zu gehen. Zudem: „Aus Deutschland kommen so viele Komponisten, die ich liebe. Bach, Beethoven, Schubert, Schönberg.“ Aber auch György Ligeti, John Cage und den Zeitgenossen Menachem Wiesenberg mag sie.

Selbstverständlich

„Wir Frauen haben heute mehr Chancen als Kolleginnen vor 30 Jahren, was nicht heißt, dass wir nicht auf der Hut sein müssen.“ Für Lia Perlov ist es selbstverständlich, sich als Stimmführerin zu beweisen. „In den großen Orchestern allerdings ist die Realität eine andere. Und wir haben immer noch zu wenige Dirigentinnen.“ Woran das liegt? „Wenn wir an Power denken, denken wir an Männer.“
Nicht so Lia Perlov: „Wenn ich an Power denke, denke an meine Mutter, an die Klarinettistin Sabine Meyer, die 1983 die zweite Frau war, die in der Männerbastion Berliner Philharmoniker spielte. Oder an Beyoncé.“ Keine schlechten Vorbilder, hat Beyoncé doch gerade wieder bei den Grammys abgeräumt.

Zur Person

Geboren am 13. Juli 1994 in Tel-Aviv, erhält Lia Chen Perlov ihren ersten Cellounterricht im Alter von neun Jahren. Mit 19 Jahren zieht sie nach Deutschland, um hier ihre musikalische Ausbildung fortzusetzen. Ihr Bachelorstudium schließt sie an der Musikhochschule Lübeck ab, den Master absolviert sie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Perlov war Mitglied im renommierten Gustav-Mahler-Jugendorchester und gastierte als Solistin bei verschiedenen Orchestern. Als Nachfolgerin von Gabriel Faur, der zum Berner Symphonieorchester gewechselt hat, ist Perlov Stimmführerin der Cellisten beim WKO.  

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