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Ausnahmeerscheinung im Himmel

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Mit einem Sieg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 startete seine beispiellose Karriere. Über 1000 Lieder hat er seit den 60er Jahren geschrieben, über 50 Alben produziert und mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft. Der größte finanzielle Erfolg dürfte "Buenos dias, Argentina" gewesen sein, 1978 für die bundesdeutsche Fußballnationalelf.

"Ich war vom Wesen her immer ein Strohfeuertyp", hat Udo Jürgens in einem der Interviews gesagt, kurz vor seinem 80. Geburtstag am 30. September. Und damit auf seine Schwäche für schöne, junge Frauen angespielt. Sein Erfolg als Sänger, Komponist, Texter und Entertainer war alles andere als Strohfeuer. Udo Jürgens war der einzige deutschsprachige Musiker, der über Jahrzehnte hinweg erfolgreich im Geschäft blieb. Eine Ausnahmeerscheinung im Showbusiness.

Was die großen Erfolge auf der Bühne und im Plattengeschäft betrifft, zeichnete professionelle Beharrlichkeit den Künstler mit österreichischer und Schweizer Staatsbürgerschaft aus. "17 Jahr, blondes Haar", "Griechischer Wein", "Aber bitte mit Sahne", "Ich wünsch’ dir Liebe ohne Leiden", "Und immer wieder geht die Sonne auf" und "Ich war noch niemals in New York": Das sind Gassenhauer und bundesrepublikanisches Kulturgut in einem.

 

Glücksbringer


Irgendwann gehörte Udo Jürgens zum kollektiven musikalischen Gedächtnis, seine Fans waren mit ihm älter geworden, neue sind dazugekommen, wie seine Konzerte zeigten. Seit Ende Oktober war Udo Jürgens mit dem Orchester Pepe Lienhard auf Tournee. "Mitten im Leben" nannte er kokett seine 25. Tour, die er inoffiziell am 24. Oktober in der seit Monaten ausverkauften Harmonie startete.

"Heilbronn ist ein Glücksbringer für mich", pflegte er zu sagen, wenn jemand wissen wollten, warum er ausgerechnet hier in der vergleichsweise kleinen Harmonie seit seinem ersten Konzert 1967 eine Art Generalprobe machte vor jeder neuen Tour. Völlig überraschend starb Udo Jürgens gestern bei einem Spaziergang in Gottlieben im Kanton Thurgau. Am Zürichsee lebte er in einer Villa. Er sei bewusstlos zusammengebrochen, teilte sein Management den Agenturen mit.

Zwei Mal verheiratet, vier Kinder von drei Frauen, mehrfacher Großvater, machte Udo Jürgens keinen Hehl daraus, dass die "Libido in meinem Leben oft eine zu große Rolle gespielt hat". "Treue ist keine Frage des Charakters, sondern der Gelegenheiten", theoretisierte er.

Der Künstler mit großbürgerlicher Vergangenheit, 1934 im österreichischen Klagenfurt auf einem Schloss geboren, mit Wohnsitzen in Zürich und an der Algarve, hat immer freimütig von seinem unstillbaren Bedürfnis nach Beziehung und seiner Beziehungsunfähigkeit erzählt. Über seine Schwächen hat sich Udo Jürgens ehrlich geäußert.

2004 erschien der autobiografische Familienroman "Der Mann mit dem Fagott". Die Erzählung über drei Generationen beginnt in Moskau, wo Großvater Heinrich Bockelmann vor der Russischen Revolution Bankier war, und spannt den Bogen von der Zarenzeit über die Revolution, zwei Weltkriege, das Dritte Reich, deutsche Teilung und das Ende des Kalten Krieges bis zum Fall der Mauer. Als Kind spindeldürr, oft krank und mit abstehenden Ohren, hat er sich nach oben gesungen, Tiefschläge erlebt und Klassiker der Populärmusik geschaffen.

 

Gefühle zeigen


Als Konsenskünstler wurde er gern bezeichnet. Ein Meister eingänglicher Melodien, einer, dem auch jene Respekt zollten, die andere Musik hören. Als "Moralist am Klavier" bezeichnete ihn die Berliner "taz", als er 1988 mit dem Lied "Gehet hin und vermehret Euch" die Haltung des Vatikans zur Empfängnisverhütung kritisierte, der Bayerische Rundfunk setzte den Song auf den Index. Jürgens hat sich entlang des Widerspruchs zwischen Andersseinwollen und Nicht-aus-der-Reihe-tanzen bewegt: ein Phänomen. Gefühle zeigen, das war das Leben des Udo Jürgen Bockelmann, der nach dem Studium von Klavier, Gesang und Komposition am Salzburger Mozarteum 1964 einen ersten Erfolg erzielte. Mit "Warum nur, warum" belegte der 30-Jährige beim Eurovisions-Wettbewerb zwar nur den sechsten Platz, in Frankreich aber wurde der deutschsprachige Titel die Nummer eins. Zwei Jahre später gewann er mit "Merci, Chérie" den Grand Prix d’Eurovision.

Über 50 Jahre war Udo Jürgens im Showgeschäft: Mit einem Gespür für Melodien zwischen Schlager und Pop, mit Anleihen aus Klassik und Jazz gelang dem charmanten Seelenfänger ein Hit nach dem anderen. Jürgens schrieb die Erkennungsmelodie der ARD-Fernsehlotterie "Zeig mir den Platz an der Sonne" (1971), nahm sich die spießbürgerliche Bigotterie vor in "Ein ehrenwertes Haus" (1975), sang "Traumtänzer" (1983) über das Wettrüsten, altersweise Bekenntnisse wie "Einfach ich" (2008) und Lieder wie "Der Mann ist das Problem" aus dem aktuellen Album.

 

Unzählige Erinnerungen


"Mit Sicherheit nicht," konterte Udo Jürgens gern die Journalistenfrage, ob es Dinge in seinem Leben gab, die er anders machen würde. Seinen Fans bleiben nun die unzähligen musikalischen Erinnerungen.


 

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