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Straßen mit anderen Augen sehen

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Wer an Brüssel denkt, dem kommt das Europa-Parlament in den Sinn, das Atomium oder Manneken Pis. Dass die Hauptstadt aber auch durch Kunst im öffentlichen Raum auffällt, ist weniger bekannt. Dabei steht dort eine der größten Graffitiwände der Welt: 4500 Quadratmeter bunter Beton entlang der Tram-Haltestelle "De Wand" im Stadtteil Laeken. 60 Künstler beteiligten sich 2007 an dem Projekt. Mehr als 200 000 Euro stecken darin, Unterstützer war unter anderem die Stadtverwaltung. Ein weiteres Großprojekt aus etwa 200 Betonwänden befindet sich im Park Neerpede. Dort ist das Sprühen nicht legal, jedoch toleriert.
 
Neben den gesprühten bringen mehr als 45 bemalte Wände Farbe in die Stadt. Sie zeigen Comic-Helden wie Tim und Struppi, die Schlümpfe oder Lucky Luke. Das Konzept dieses Comicpfads will Kulturstadträtin Karine Lalieux auf Streetart übertragen. Drei solcher Wände machten 2013 den Anfang. Darüber hinaus konzipiert Lalieux einen Kriterienkatalog, nach dem bestimmte Graffiti erlaubt sein sollen.

"Brüssel betreibt sicher keine Null-Toleranz-Regelung in Sachen Graffiti", sagt Lalieux. Die Kunstform habe sich zu einem wichtigen Teil des urbanen Lebens entwickelt. "Trotzdem bleibt im speziellen Fall die Frage, was Streetart, was Vandalismus ist." Um Letzteres brauchen sich die Brüsseler jedenfalls keine Gedanken zu machen: Die Stadt entfernt kostenfrei Schmierereien auf privaten Gebäuden.

 

Es kam mit Hip-Hop

Rührt die Offenheit Brüssels gegenüber der illegalen Kunst von der belgischen Comictradition? "Ich weiß nicht, ob es da eine Korrelation gab", sagt Lalieux. "Aber es entstehen neue Verbindungen wie die Idee zum Graffitipfad." Eine entschiedenere Antwort gibt der Kunsthistoriker Adrien Grimmeau, der mit "Dehors! Le graffiti à Bruxelles" ("Draußen! Graffiti in Brüssel") das erste Buch über die Graffitiszene der Stadt verfasst hat. "Die Tradition des Comics hat mit Graffiti überhaupt nichts zu tun“, sagt er. Als die Straßenkunst mit der Hip-Hop-Musik in den 80er-Jahren aufkam, hätten die Künstler zwar belgische Comics gelesen, aber: "Sie haben sie nie auf Wände gebracht. Dafür orientierten sie sich eher an den amerikanischen Figuren."
 
Den toleranten Umgang der Stadt mit Graffiti sieht der 31-Jährige lediglich als Antwort auf eine soziale Entwicklung: "Erst seit ein, zwei Jahren nehmen Bürger und Touristen diese Kunstform anders wahr. Und die Politik reagiert darauf." Eine Brüsseler Graffititradition gibt es nach Ansicht Grimmeaus nicht. Im Gegenteil. "Für eine Hauptstadt haben wir das erst sehr spät für uns entdeckt", sagt er.



Auch in Museen ist die Kunstform seit 2005 vorgedrungen. Sechs Jahre später organisierte Grimmeau die Ausstellung "Explosition: L’art des graffiti à Bruxelles" ("Explosition: die Graffitikunst in Brüssel") im Museum Ixelles. "Die Idee war, zu zeigen, dass Graffiti eine echte Kunst ist, und nicht nur cooles Zeug", sagt Grimmeau. Dass das coole Zeug auf Leinwand und in sanftem Museumslicht nicht mehr als Graffiti gilt, ist ihm bewusst: "Graffiti sind grundsätzlich illegal und öffentlich."
 
Vielmehr geht es dem Kunsthistoriker darum, die Verbindungen zwischen der Museums- und Straßenkunst deutlich zu machen: Viele große Künstler Belgiens stammen aus der Graffitiszene, beispielsweise Arne Quinze, der heute weltweit für seine Skulpturen bekannt ist. Oder Brüssels bekanntester Sprayer Bonom, der heute mit Choreographien und Kunstperformances international Erfolge feiert. Grimmeau: "Holt man Streetart ins Museum, bringt man die Menschen dazu, ihre Stadt mit neuem Blick zu sehen." Doch das ist nur die eine Perspektive. Auch Lalieux will die zwei Welten inner- und außerhalb von Museen verknüpfen – aber sie sieht es gerade andersherum: "Streetart ist ein wichtiger Weg, um die Kultur aus den Institutionen hinaus zu den Menschen zu bringen."
                                        

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