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Kinder, Internet, Mobbing

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Systematisches Fertigmachen von Mitschülern im Netz? Wissenschaftler der Universität Hohenheim kamen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der mehr als 5 600 befragten Schüler von Mobbing-Attacken im Netz betroffen ist. Beleidigende SMS, peinliche Videos oder das Posten von gemeinen Facebook-Nachrichten gehören zum Alltag vieler Kinder. Unsere Redakteurin Milva-Katharina Klöppel sprach mit Florian Beutenmüller, Social-Media-Berater, über das Thema Cybermobbing.

Ab wann sollten Kinder einen Zugang zum World Wide Web haben?
Florian Beutenmüller: Professor Manfred Spitzer von der Universität Ulm ist zum Beispiel davon überzeugt, dass man vor seinem 18. Geburtstag das Internet meiden sollte. Das geht jedoch völlig an der Realität vorbei. Wir sind hier anderer Meinung. Der Umgang mit dem PC zählt heute zu den Schlüsselkompetenzen und sollte bereits früh gelernt werden.

Wie verhalte ich mich als Mutter oder Vater am besten?
Beutenmüller: In unserer Gesellschaft ist es heute ganz natürlich, dass Kinder bereits mit Computern aufwachsen. Es gehört zu ihrer Entwicklung dazu, Medien zu entdecken. Dieses Entdecken sollte von den Eltern aber unbedingt begleitet werden. Im Gespräch mit dem Kind kann man nicht nur Tipps geben und eigene Befürchtungen ansprechen, sondern auch die jugendliche Medienwelt kennenlernen.

 

"Eltern werden niemals jeden Schritt ihrer Kinder überwachen können."

Viele Eltern fühlen sich machtlos – doch helfen Verbote?
Beutenmüller: Wer seinen Kindern heute die Teilhabe an modernen Kommunikationsdiensten wie Facebook oder Whats-App grundsätzlich verbietet, macht mehr kaputt als dass er hilft. Viel mehr Sinn macht es, klare Vereinbarungen mit dem Kind zu treffen. Zwar ist Facebook erst ab 13 Jahren und Whats-App erst ab 16 Jahren zugelassen. Fakt ist aber auch, dass Jugendliche oft schon wesentlich früher mit den Diensten in Kontakt kommen.

Eine hohe Altersbeschränkung für einen Kurznachrichtendienst...
Beutenmüller: Stimmt, die Freigabe ab 16 Jahre hat vor allem rechtliche Gründe, die mit dem Herkunftsland USA zusammenhängen. Whats-App bietet aber im Vergleich zur textbasierten SMS weitere Funktionen. So lassen sich multimediale Inhalte wie Bilder, Videos oder auch Audios mitverschicken.

Welche konkrete Gefahr besteht?
Beutenmüller: Ein ungefragt auf dem Schulhof aufgenommenes Foto kann innerhalb von Sekunden verschickt werden. Die Jugendlichen sind sich gar nicht bewusst, dass sie damit eine Art von Öffentlichkeit schaffen und zahlreiche Persönlichkeitsrechte, wie das Recht am eigenen Bild, verletzen.

 

"Die Polizei einzuschalten, die weitergehende technische Möglichkeiten hat."

Häufig bekommen Eltern nicht mit, wenn das Kind Fotos verschickt oder aber zum Opfer wird. Sollten sie das Handy kontrollieren?
Beutenmüller: Das Mobiltelefon des Kindes zu durchstöbern, wäre wie das Tagebuch zu lesen. Das Handy ist ein intimes Gerät. Eltern müssen mit ihren Kindern sprechen – über die Risiken und Gefahren der sozialen Medien. Und über die Konsequenzen, die das Verschicken von Bildern haben kann.

Sollten sich Eltern deshalb ein eigenes Profil bei Facebook anlegen?
Beutenmüller: Das ist nicht nötig und zum Teil auch kontraproduktiv, weil sich die Kinder ausspioniert fühlen. Eltern werden niemals jeden Schritt ihrer Kinder überwachen können und die Kleinen sind Meister darin, ihre Spuren zu verwischen.

Wenn ich partout nicht möchte, dass mein Kind im Web surft – welche technische Möglichkeiten habe ich?
Beutenmüller: Fast keine mehr. Zwar gibt es auch für Smartphones sogenannte Internetschutzfilter, doch dann loggt sich das Kind in das öffentliche W-Lan von Fast-Food-Restaurants ein oder nutzt den Computer eines Freundes und entzieht sich damit der Kontrolle der Eltern.

 

"Sobald ein Foto im Umlauf ist, habe ich keine Kontrolle mehr darüber."

Zehn Jahre Facebook: Ist die Attraktivität des Netzwerkes ungebrochen?
Beutenmüller: Seit ein paar Monaten stellen wir in Gesprächen mit Schülern fest, dass die unter 18-Jährigen sich von Facebook abwenden. Sie nutzen viel häufiger Whats-App oder neue Dienste wie Instagram.

Warum Instagram?
Beutenmüller: Ganz einfach: Hier tummeln sich weniger Erwachsene und die Möglichkeit, sich mit dem Bildbearbeitungsprogramm visuell auszutoben, ist für Jugendliche toll.

Angenommen, das Cybermobbing ist in vollem Gange: Welche Möglichkeiten habe ich?
Beutenmüller: Sobald ein Foto im Umlauf ist, habe ich keine Kontrolle mehr darüber. Ich empfehle, den Verursacher ausfindig zu machen und so die Kette zu durchbrechen. Ihm klar machen, dass es rechtliche und persönliche Folgen für ihn haben kann, wenn er das Foto nicht löscht. Allerdings kann es schon Screenshots und mehr davon geben, die ich nicht überblicken kann. Meistens ist es sinnvoll, die Polizei einzuschalten, die weitergehende technische Möglichkeiten hat.
             

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