Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Kleidungsindustrie: Fatale Folgen

zurück zur Übersicht
Trendig oder günstig alleine zieht nicht mehr. Eine wachsende Zahl an Verbrauchern möchte wissen, wie ihre Kleidung produziert wird und welche Schadstoffe darin stecken. Das zumindest beobachtet Karin Pfisterer. Die Bekleidungsingenieurin aus Hohenlohe kennt die Branche, in der sie jahrelang gearbeitet hat. Mittlerweile informiert sie in Vorträgen über die Bedingungen unter denen Shirts oder Jeans hergestellt werden, etwa bei der VHS Unterland.
 

Fatale Folgen

Das Geschäft mit der Garderobe ist ein globales. Der wichtigste Modelieferant für deutsche Kunden ist China. Im ersten Halbjahr 2012 kamen laut Modeverband Deutschland Textilien im Wert von 3,35 Milliarden Euro in die Bundesrepublik. Auf Platz zwei liegt die Türkei mit Kleidung im Wert von 1,58 Milliarden Euro. Es folgen Bangladesch (1,24 Milliarden Euro) und Indien (0,61), die Niederlande und Vietnam. "Gerade die Schwellenländer werben um ausländische Investoren mit Steuererlass, lockerer Arbeitsgesetzgebung und geringen Umweltschutzauflage", sagt Karin Pfisterer. Mit fatalen Folgen.

In den Fabriken Asiens schuften Menschen zwölf oder 14 Stunden am Tag zu einem Hungerlohn. Oftmals ist die Arbeit gesundheitsschädlich, wie beispielsweise der Veredelungsprozess des Sandstrahlens für Jeans. Gezielt werden die Hosen an bestimmten Stellen mit Sand und Chemikalien heller gemacht, um einen getragenen Look zu erzeugen. "Der Sandstaub gelangt in die Atemwege und verursacht Lungenkrankheiten", beschreibt Pfisterer. "Solche Jeans sollte man möglichst nicht kaufen", appelliert die engagierte Fachfrau.
 

Jährlich sterben zwei Millionen an Vergiftungen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jährlich zwei Millionen Menschen an Vergiftungen sterben, weil ihnen bei der Arbeit entsprechende Schutzkleidung fehlt, sie keine Waschmöglichkeiten haben oder mit Chemikalien arbeiten, die in der EU verboten sind.

Und auch die Umwelt leidet, was am Beispiel Baumwolle deutlich wird: Die Faser ist für die Kleidungsproduktion die unangefochtene Nummer eins. Weltweit wird sie in 60 Ländern angebaut. Die größten Produzenten sind laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden China, Indien, die USA und Pakistan. Doch die Pflanze braucht viel Wasser.

Um ein Kilo spinnfähige Baumwoll-Faser herzustellen, braucht man im Schnitt 25 000 Liter Wasser, wie Greenpeace vorrechnet. Auch in Usbekistan wird Baumwolle angebaut. Das Wasser dafür stammt aus den Zuflüssen des Aralsees. Der einst viertgrößte Binnensee der Welt ist deshalb inzwischen fast komplett ausgetrocknet und droht zur Salzsteppe zu werden.
 

Vorurteil "Ökoklamotten"

"Cotton wird in Monokulturen angebaut und ist deshalb sehr anfällig für Schädlinge", sagt Pfisterer. Also müssten Pestizide gespritzt werden. Vor allem in den USA greift man zur Ernte gern zu chemischen Entlaubungsmitteln. Laut WHO sterben beim Baumwollanbau jedes Jahr 28 000 Menschen weltweit an Pestizidvergiftung.

Pestizide Beim Anbau von Baumwolle aus kontrolliert biologischen Anbau (kbA) wird vollständig auf den Einsatz chemischer Düngemittel und Pestiziden verzichtet, betont Pfisterer. Dennoch liegt der Anteil an Kleidung aus Biobaumwolle am textilen Gesamtangebot weit unter einem Prozent, wie das Öko-Institut Freiburg festgestellt hat. Ein Grund für das geringe Interesse an ökologischer Kleidung: "Beim Kauf spielen meist völlig andere Kriterien die entscheidende Rolle: Stil, Passform, Marke, Preis, Modernität", so Dirk Bunke vom Öko-Institut. "Umweltfreundlich und fair hergestellte Kleidung kämpft immer noch mit dem Vorurteil von langweiligen Ökoklamotten."
 

Auswaschen

Ein weiteres Problem ist, dass es für Verbraucher oft schwer ist, entsprechende Kleidung zu erkennen. Aussagen wie "bio", "öko" oder "organic" bei Textilien sind nicht geschützt. Gesetzlich geschützt und kontrolliert ist laut Öko-Institut nur der Begriff "kbA" für den kontrolliert biologischen Anbau der Rohstoffe, wie Baumwolle und Leinen oder "kbT" für die "kontrolliert biologische Tierhaltung" bei Schaf- oder Schurwolle.

Grundsätzlich rät Karin Pfisterer neue Kleidung vor dem ersten Tragen zu waschen. Oft sind sie mit Chemikalien veredelt worden, etwa um die Textilien als bügelleicht, schnell trocknend oder fleckenabweisend anpreisen zu können. Und: "Nutzen Sie für Babys und Kleinkinder auch gebrauchte Kleidung, die schon oft gewaschen wurde."
                         

Galerien

Regionale Events