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Mit 13 nackt vor der ganzen Welt

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Drei Tage nachdem Mia intime Aufnahmen von sich an einen Bekannten verschickt hat, merkt sie, dass sie auf dem Schulhof angestarrt wird. Jugendliche, die sie nicht kennt, drehen sich um, tuscheln, zeigen auf sie. Vor einem Jahr war das, damals ist Mia (Namen geändert) 13.

Jetzt sitzt sie am Esstisch im Reihenhaus ihrer Familie, ihr Vater Frank neben ihr. Es liegt ihm am Herzen, dass ihre Geschichte erzählt wird. Er will aufklären und warnen, welche Folgen es haben kann, wenn Teenager sorglos im Internet surfen oder freizügige Aufnahmen verschicken.

 

Früher


Es war an einem Samstagabend, erzählt Mia. Ein Junge, den sie bei einer Freizeit kennengelernt hat, fordert sie per Kurznachricht auf, ihm intime Aufnahmen zu schicken. "Er wollte ein pornografisches Video", formuliert es Mia heute so distanziert als spreche eine Polizeibeamtin. Der Junge, damals zwölf Jahre alt, habe sie unter Druck gesetzt, habe damit gedroht, die Freundschaft zu kündigen, und damit, bei Freunden schlecht über sie zu reden. Bis zu zehn Nachrichten mit anzüglichen und fordernden Botschaften habe er ihr am Tag geschickt. An diesem Abend verspricht er wieder, niemand werde die Aufnahmen je zu sehen bekommen. "Ich habe ihm geglaubt", sagt Mia.

Sie musste ihre Geschichte wieder und wieder erzählen. Den Eltern, Polizisten, Vertrauenslehrern, einer Psychologin. Wenn sie jetzt spricht, wirkt sie noch immer verlegen. "Es ist mir peinlich", sagt sie. Wenn sie schüchtern lächelt, sieht man, wie ihre Zahnspange aufblinkt. 

An jenem Abend zieht sich Mia zu Hause aus, filmt ihren Körper mit der Kamera ihres Smartphones und schickt dem Jungen das Video mit dem Kurznachrichtendienst WhatsApp. Das Vertrauensverhältnis hält nicht lange. Eine Viertelstunde später melden sich ihre entsetzten Freundinnen. "Bist du das?" "Spinnst du?" Der Zwölfjährige hatte das Video sofort weitergeleitet. Es war wie eine Trophäe für ihn

 

Folgen


Seit diesem Abend ist nichts mehr in Mias Leben, wie es einmal war. Erst langsam begreift sie, welche Welle sie ausgelöst hat. Am Montag nach dem Wochenende sind es auf dem Schulhof noch vereinzelte Blicke, am Dienstag, sagt Mia, "hat jeder über mich geredet". Das Video verbreitet sich rasant weiter. In der Klasse, im Freundeskreis, der ganzen Schule, ihrem Heimatort und weiter. Auch Erwachsene hätten sie angestarrt.
Mia ist am Boden zerstört. Sie fühlt sich allein, wird beleidigt. Flittchen oder Schlampe sind noch harmlosere Beschimpfungen, die sie in den nächsten Wochen zu hören bekommt. Sie ziehe sich billig an, hieß es auf einmal. Dabei habe sie nichts anderes getragen als die Mädchen ihrer Klasse. Auch Freundinnen wenden sich von ihr ab

Ihrem älteren Bruder, der in die gleiche Schule geht, vertraut sich Mia zuerst an. Mit ihm geht sie zu den Vertrauenslehrern. Nachbarn erzählen Mias Mutter von dem Video, das inzwischen Dorfgespräch ist. Ihr Vater Frank gesteht, dass er ausgerastet ist, als er es hörte. Es sei auch ein Zeichen der Hilflosigkeit gewesen, rechtfertigt er sich. Für ihn wiegt der Vorfall umso schlimmer, weil es nicht der erste war.

Wenige Monate vorher hatte Mia beim Spiel "Wahrheit oder Pflicht" kurz ihre Brüste gezeigt. Sie wurde fotografiert. Mia sagt, sie habe das gar nicht mitbekommen. Aber Bilder machen die Runde, der Betreuer einer Jugendgruppe meldet sich bei ihren Eltern, die zu diesem Zeitpunkt im Ausland sind. Nach ihrer Rückkehr folgen Gespräche und ein mehrwöchiges Handy-Verbot. Die Aufregung legt sich irgendwann. Bei dem intimen Video ist es anders. Die Welle lässt sich nicht stoppen.

Erst nachdem er mit den Vertrauenslehrern gesprochen hat, fühlt sich Mias Vater Frank nicht mehr so unsicher. Wichtig sei für ihn die Bestätigung gewesen, dass Mia nicht die Täterin ist, sondern das Opfer.

Frank hält sich an den Rat der Lehrer und schaltet die Polizei ein. Es folgen Verhöre, Gespräche mit dem Rektor, mit Psychologen, Mia muss ihr Handy den Beamten geben, die Daten sicherstellen.

Einigen, bei denen sie Hilfe suchen, fehlt das Einfühlungsvermögen. Manchmal habe es geheißen "selbst schuld". Vor allem die Vertrauenslehrer und eine geschulte Psychologin der Kriminalpolizei leisteten aber wichtige Aufbauarbeit. "Nach dem Gespräch mit der Beamtin war Mia wieder ein neuer Mensch", sagt ihr Vater.

In den folgenden Tagen kommen Polizeibeamte an Mias Schule und besuchen die Klassen. Sie erwähnen das Video oder den Grund, weshalb sie da sind, mit keiner Silbe, stellen aber klar: Wer intime Bilder von Fremden oder kinderpornografische Aufnahmen gespeichert hat, muss diese löschen, sonst macht er sich strafbar. Jeder, der die Vorgänge kennt, weiß, worum es geht. Später konfiszieren Beamte Smartphones von mehreren Schülern und überprüfen die Daten.

Juristisch ist es schwierig, gegen den Jungen, der das Video weiterverbreitet hat, vorzugehen. Zur Tatzeit war er zwölf Jahre alt und somit strafunmündig. Sie gehe ihm aus dem Weg, sagt Mia. Gegen den anderen Jungen, der das Foto von Mias Brüsten gemacht hat, will ihr Vater Frank weiter vorgehen."Die verstehen es nicht anders", meint er.

 

Heute


Heute, sagt Mia, gehe es ihr besser. Sie habe gemerkt, wer ihre wahren Freunde sind. Noch immer werde ab und zu über sie getuschelt. "War das nicht die, die damals....". Sie kann damit umgehen, sagt Mia. Sie habe gelernt, "Nein" zu sagen. Sie passe auf, was sie von sich preisgebe. Freundinnen, die freizügige Bilder von sich verschicken, warne sie vor den Folgen – meistens allerdings ohne Erfolg. Auch wenn Mia glaubt, sie sei inzwischen über das Gröbste hinweg, räumt sie ein, dass etwas hängengeblieben ist. Ob sie noch Vertrauen zu Jungen fassen kann? "Nein", sagt Mia, "nicht mehr so wie früher."


 

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