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Eltern haben die besseren Ausreden

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Nur schnell checken, ob die Freundin geantwortet hat: Jugendliche wachsen selbstverständlich mit Smartphones und der ständigen Erreichbarkeit auf. Welche Auswirkungen das für den Alltag in Schule und Familie hat, wollte unsere Redakteurin Milva-Katharina Klöppel von Florian Beutenmüller von der Mecodia Akademie aus Aichtal bei Stuttgart wissen. 

Gerade erst sind die Sommerferien zu Ende gegangen. Wer Pech hatte, verbrachte drei Wochen mit seinen Eltern auf einem Campingplatz in Südfrankreich. Sonne, Strand – und kein Internet. Aber 5000 Whatsapp-Nachrichten bei der Heimkehr. Der normale Schülerwahnsinn?

Florian Beutenmüller: Ja, leider. Jugendliche haben heute schnell das Gefühl, sie würden was verpassen. Der innere Druck, möglichst schnell nach Hause zu kommen und die Nachrichten der Freunde abzuarbeiten, ist nicht zu unterschätzen.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Beutenmüller: Wer seinen Freunden nicht Bescheid sagt, dass er eine gewisse Zeit offline ist, läuft Gefahr, mit Nachrichten bombardiert zu werden. Eine 17-Jährige hat das kürzlich sehr eindrucksvoll beschrieben: Erst kommt eine harmlose Frage wie hallo. Antwortet der Freund nicht sofort, folgen drei Fragezeichen, was denn los sei. Fünf Minuten später der Nachsatz: Warum antwortest du nicht? Eine Stunde später kann bereits die ganze Freundschaft in Frage gestellt werden. Durch Whatsapp und Co. sind die Jugendlichen es einfach gewöhnt, immer und überall sofort eine Antwort zu bekommen.

Was raten Sie?

Beutenmüller: Um nicht in diese Abhängigkeit zu geraten, empfiehlt es sich, ganz bewusst Auszeiten zu nehmen. Zum Beispiel in der Fastenzeit eine Woche lang das Handy auszuschalten, zeigt einem viel über die eigene Mediennutzung. Es reicht aber schon, beim Abendbrot das Smartphone wegzulegen und nicht sofort der Freundin zu antworten, wenn sie eine Nachrichte schickt. Das blinkende, vibrierende Gerät sollte nicht den Tagesablauf beeinflussen.

Was passiert mit unseren Kindern, wenn sie ständig online sind?

Beutenmüller: Sie verlernen, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Die Eltern sollten ihren Kindern klar machen, dass es viel effektiver ist, 45 Minuten ungestört die Hausaufgaben zu machen und dann mit dem Freund zu chatten, als alle fünf Minuten aufs Handy zu schielen. Dabei ist es immer wichtig, dass die Kinder etwas verstehen und nachvollziehen. Generelle Regeln werden gebrochen. Dann wird das Handy zum Beispiel unter dem Schreibtisch versteckt.

Aber die Eltern der heutigen Fünft- und Sechstklässler sind auch nicht besser, oder?

Beutenmüller: Stimmt, und sie haben sogar noch bessere Ausreden als die Kinder – schließlich müssen die geschäftlichen E-Mails rund um die Uhr gecheckt werden.

Und bei Facebook laden die Eltern trotz Warnungen immer wieder die unterschiedlichsten Fotos von ihrem Nachwuchs hoch. Unverbesserlich?

Beutenmüller: Wenn man die Benutzereinstellungen bei Facebook ordentlich beachtet, kann man die Plattform als digitales und durchaus sicheres Fotoalbum für Verwandte und Freunde verwenden. Es passiert aber immer wieder, dass Bilder öffentlich geteilt werden. Und dann verliert der Eigentümer schnell die Kontrolle darüber.

Selbst Dreijährige spielen heute schon auf dem Smartphone der Oma lustige App-Games. Ist das sinnvoll?

Beutenmüller: Die Großeltern wollen sich wie schon immer attraktiv machen und locken so die Enkel. Es ist wirklich schwierig zu sagen, ab welchem Alter der Umgang mit Handys und Tablets richtig ist. Vermutlich läuft es aber auf den Anfang des Teenageralters hinaus. Eltern sollten behutsam das Umfeld ihrer Kinder beobachten. Haben 90 Prozent der Freunde ihres Sohnes oder der Tochter ein Smartphone, sollte das eigene Kind ebenfalls eines bekommen, um nicht ausgegrenzt zu werden.

Drei Platzhirsche haben sich etabliert: Whatsapp als Nachrichtendienst, Facebook als soziales Netzwerk und Youtube als Plattform für Videos. Wohin geht die Entwicklung?

Beutenmüller: Stimmt, die Sms wird sich zum Beispiel nicht mehr erholen. Alleine dadurch, dass es dort nicht die Möglichkeit zu Gruppenchats gibt, macht sie altertümlich. Insgesamt ist es von Chat-Programmen wie ICQ immer mehr zu Fotos und Videos gegangen. Sich visuell im Netz zu präsentieren, ist der Trend der Zukunft und genau dort lauern auch die Sicherheitslücken und die Gefahren


 

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