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Wichtige Erziehungsberatung

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Emilia (Name verändert) ist 14 und ihre Welt ist nicht in Ordnung: Sie hat zwar einen Freund, von ihren Eltern fühlt sie sich jedoch nicht verstanden. Die sagen zwar, dass sie wissen, was für Emilia gut sei. Aber im Grunde haben sie viele eigene Probleme und streiten sich oft. Über ihre Probleme mit ihnen zu sprechen, das mag Emilia nicht. Und die gibt es durchaus: Oft fühlt sie sich leer,und in der Schule läuft es nicht rund. Sie kann sich einfach nicht richtig konzentrieren beim Lernen.

Deshalb sitzt sie viel in ihrem Zimmer, hört Musik und grübelt vor sich hin. Als sie im Badezimmer eine Rasierklinge ihres Vaters liegen sieht, kommt ihr der Gedanke, sich zu ritzen. Und dieser Gedanke lässt sie nicht los – bis sie ihn in die Tat umsetzt. Dabei empfindet sie Erleichterung und sie kann sich endlich wieder richtig spüren. Es bliebt nicht bei diesem einen Mal. Erst ritzt sie sich nur ab und zu, dann immer öfter. Erst als Emilia im Hochsommer immer noch langärmlige T-Shirts trägt, wird ihre Mutter aufmerksam – und geht mit ihr zur Erziehungsberatung.

Zweitgrößte Klientengruppe

Die Anzahl der Jugendlichen, die sich selbst verletzen steigt auch im Hohenlohekreis. Sie gehören zu den jungen Menschen, die wegen Entwicklungsauffälligkeiten oder seelischen Problemen zur Erziehungsberatung kommen. Das sind immerhin 31 Prozent aller Beratungsfälle im Jahr 2014. Im Vorjahr waren es nur 28 Prozent und die drittstärkste Klientengruppe.

Meist sind Mädchen in der Pubertät betroffen, weiß Hedwig Kuhn-Staudenmaier, Leiterin der Erziehungsberatung im Hohenlohekreis, die unter dem Dach der evangelischen Jugendhilfe Friedenshort angesiedelt ist. Über 50 Prozent der Betroffenen gehören in Emilias Altersgruppe und sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Die Gründe für die Selbstverletzung sind unterschiedlich. Gemeinsam ist den meisten jungen Menschen geringes Selbstbewusstsein.

Häufig geht der Drang sich zu ritzen oder auf andere Art selbst zu verletzen mit dem Wunsch Hand in Hand sich selbst zu spüren, auch wenn es schmerzhaft ist. "Auf jeden Fall schafft das Ritzen Erleichterung. Die Mädchen können wieder klarer denken, klarer mit sich umgehen und sich kontrollieren.", erklärt die Heilpädagogin. Deshalb habe selbstverletzendes Verhalten Suchtcharakter.

In der Beratung liegt deshalb der Schwerpunkt darauf, das Selbstwertgefühl der Mädchen zu stärken und damit auf allem, was sie gut können. Außerdem wird gemeinsam nach Ersatz für das Ritzen gesucht, der nicht verletzt. Das kann eine kalte Dusche oder scharfes Essen", nennt Kuhn-Staudenmaier ein Beispiel.

Neuaufnahmen

Nicht nur die Fallzahlen dieser speziellen Gruppe steigen, generell wachsen die Fallzahlen der Erziehungsberatung an. 387 Fälle waren es 2014 (2013: 362 Fälle), darunter 301 Neu- und Wiederaufnahmen. Das ist im Vorjahresvergleich ein deutlicher Anstieg um mehr als 25 Prozent.

Die größte Gruppe (2014: 59 Prozent; 2013: 52 Prozent; 2012: 46 Prozent) der Ratsuchenden kommt indes wegen Belastungen in die Erziehungsberatung, die durch familiäre Konflikte, also durch Trennung, Scheidung, Umgangs- oder Sorgerechtstreitigkeiten, Beziehungsproblemen zwischen Eltern und Kindern oder migrationsbedingte Konflikte ausgelöst werden. Für Hedwig Kuhn-Staudenmaier ist damit klar erkennbar, "dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit bestimmten Familienkonstellationen gehäuft in die Erziehungsberatungstelle" kommen.

Nichtsdestotrotz sind die Wartezeiten auf einen Beratungstermin nicht drastisch gestiegen. In 87 Prozent begannen die Beratungen innerhalb von vier Wochen. Die Erziehungsberatung kann damit "im Gegensatz zu den niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten den Ratsuchenden sehr zeitnahe Termine anbieten", sagt Kuhn-Staudenmaier.

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