Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Wenn nicht nur die Sterne leuchten

zurück zur Übersicht

In einer dicht besiedelten Region gibt es eines kaum noch: Dass es Nachts so dunkel wird, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen kann. Rund um die Uhr erhellte Gewerbegebiete oder Fabriken, Lichter aus Wohnungen, von Lampen und Autoscheinwerfern sorgen nach Sonnenuntergang dafür, dass man alles gut erkennt. Doch das hat auch negative Folgen.

"Organismen haben sich in Millionen Jahren ihrer Evolution daran angepasst, dass es Nachts dunkel ist", sagt Franz Hölker. Der Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei ist Projektleiter des Interdisziplinären Forschungsverbunds Lichtverschmutzung. Bei einem Vortrag in der "Experimenta" erklärte er, wie gravierend die Dunkelheit in vergleichsweise kurzer Zeit zurückgedrängt wurde.

"Erst in den vergangenen Jahrzehnten haben Menschen begonnen, ihre Nachtlandschaft zu beleuchten" – inzwischen wächst die künstliche Außenbeleuchtung weltweit pro Jahr um drei bis sechs Prozent, rechnet Hölker vor. Auch wenn es noch keine belastbaren Langfristuntersuchungen zum Einfluss des Lichts gibt, hat Hölker Effekte beobachtet. Insekten werden von Lampen angezogen wie von einem Staubsauger – und schwirren dort bis zur Erschöpfung herum oder werden ein leichtes Opfer für Fressfeinde. Fische auf dem Weg zu ihren Laichgründen werden von Lichtern abgelenkt. Der Tag-Nacht-Rhythmus von Menschen und Tieren wird durch Helligkeit gesteuert. In einer Untersuchung mit Flussbarschen hat Hölker festgestellt, dass schon geringe Lichtwerte in der Nacht dazu führen, dass sich ihr Hormonhaushalt verändert.

 

Großstadt

 

Flughäfen gehören zu den am stärksten beleuchteten Gebäuden, alleine der Airport Berlin Tegel strahlt vier Prozent des Lichts der Berliner Kernstadt ab. Auch Straßen, Industriegelände und öffentliche Gebäude leuchten stark. "Unter natürlichen Bedingungen verdunkeln Wolken den Nachthimmel", erklärt der Forscher. In Großstädten reflektieren sie aber das Licht und sorgen für eine noch hellere Nacht.

Die Wissenschaft befasst sich mit dem Thema erst kurze Zeit. Als erste bemerkten Astronomen die Veränderungen: Während Sternwarten früher direkt in den Städten entstanden, müssen ambitionierte Himmelsgucker inzwischen auf abgelegene Außenstellen ausweichen.

Alexander Kerste ist seit Anfang der 1990er Jahre in der Heilbronner Robert-Mayer-Sternwarte aktiv. In der Innenstadt seien die Bedingungen für den Blick in den Himmel schon damals mies gewesen. Das Ausweichen in den Kraichgau, etwa um Fotos von den Sternen zu machen, lohnt inzwischen auch nicht mehr: "Da sieht man immer Stuttgart auf den Bildern."

Wenn die Heilbronner Astronomen einen guten Nachthimmel haben wollen, fahren sie in die Berge bei Wüstenrot. Für optimale Bedingungen müsse man noch weiter reisen. "Ich hatte ein Aha-Erlebnis in den Alpen, auf der Heilbronner Hütte", erinnert sich Kerste. Seit Sommer 2012 beteiligt sich die Robert-Mayer-Sternwarte an dem Forschungsverbund Lichtverschmutzung. Eine Kamera macht vor allem Nachts alle paar Sekunden ein Bild des Himmels. Die Daten dieses Sky-Quality-Meters fließen in eine Langzeitstudie der Wissenschaftler ein.

"Unser Ziel ist nicht, die Beleuchtung zu verbieten", macht Alexander Kerste klar. "Sie soll zielgerichtet sein und nicht in den Himmel strahlen." Bei der Stadt ist das Thema bekannt: Jean-Christophe Pilz, Leiter der Umweltabteilung, berichtet, dass es Lichtmessungen gibt, wenn sich Anwohner um den Schlaf gebracht fühlen.

Werden gesetzliche Vorgaben zur Helligkeit überschritten, müssen die Betreiber ihre Lampen oder Werbetafeln abbauen oder dimmen. Auch zum Schutz von Insekten oder Fledermäusen habe die Stadt manch helles Licht untersagt.

 

Gespräche

 

Regelmäßige Gespräche über die Beleuchtung führt die Astronomische Vereinigung Weikersheim. "Wir haben einen guten Draht zur Stadtverwaltung" berichtet Joachim Schröder von der Vereinigung. "Wir werden gehört, wenn es um neue Straßenbeleuchtung oder ein Baugebiet geht." Dann kommen die Betreiber der Sternwarte am Ortsrand genauso zu Wort wie Umweltschützer. "Wir können die Ausführung mitgestalten."

Schröder erwartet nicht, dass Weikersheim plötzlich völlig im Dunklen liegt. "Es gibt aber spezielle Leuchtdioden, deren Licht wir ausfiltern können." So kann der Blick in den Himmel um störende Helligkeit bereinigt werden. Dass die Astronomische Vereinigung diese Bedeutung hat, ist nach Schröders Einschätzung ziemlich einzigartig im Südwesten. Ein Grund dafür sieht er in der großen Öffentlichkeitsarbeit, die der Verein macht. Und: "Wir sind auch touristisch wichtig für die Stadt."

Bei ihren Bemühungen für eine dunklere Nacht denken die Astronomen nicht nur an ihr Hobby, sagt Joachim Schröder: "Es geht darum, ein kulturelles Erbe zu schützen: den Blick in die Sterne." Diesen Aspekt nennt auch Franz Hölker: 33 Prozent der Deutschen haben laut einer Emnid-Studie, die er zitiert, noch nie die Milchstraße gesehen. Bei den unter 30-Jährigen sind es demnach schon 40 Prozent.

 

 

 

 

Galerien

Regionale Events

Barrierefreie Lesung

Hasnain Kazim liest in der Stadtbibliothek im K3 Heilbronn aus „Mein Kalifat“.