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Späterer Unterrichtsbeginn?

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Unverständnis und Spott erntete der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), als er im Januar 2006 vorschlug, die Schulglocke "sollte eine halbe oder eine ganze Stunde später läuten". Nur eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern applaudierte dem Politiker und Vater. Fast zehn Jahre später ist es noch immer so: Schlafforscher wie Till Roenneberg plädieren wortreich für einen späteren Schulstart, Schüler, Lehrer und die Kultusminister von Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz sehen keinen Reformbedarf.

Für Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) ist der Unterrichtsanfang gut geregelt. "Es hat sich bewährt, dass die Verantwortung für die Unterrichtsorganisation und damit auch die Verantwortung für den Beginn der ersten Stunde bei den schulischen Gremien liegt", erklärte seine Sprecherin. Dies ermögliche "passgenaue, auf die örtlichen Voraussetzungen und Gegebenheiten ausgerichtete Lösungen". Für Stoch hat das auch den Vorteil, dass er sich in einer Frage mit hohem Erregungspotenzial nicht festlegen muss.


Plädoyer

In der Praxis beginnt die Schule meist zwischen 7.30 Uhr und 8 Uhr. Viel zu früh, findet der Chronobiologe Roenneberg. Er plädiert für einen gestuften Start, der sich an den unterschiedlichen Tagesrhythmen der Kinder orientiert: In der Grundschule um acht, in der Sekundarstufe 1 um neun und in der Oberstufe um zehn. "Der Schulbeginn um acht Uhr stellt eine echte biologische Diskriminierung dar", sagt der Münchner Professor.
Man sollte meinen, dass Roennebergs Thesen den älteren Schülern zupass kommen. Das Gegenteil ist der Fall.

"Wir sehen keinen großen Handlungsbedarf", sagt Moritz Kern, der Sprecher des Landeschülerbeirats. Der Abiturient hat ganz praktische Einwände: "Wer später anfängt, muss länger in der Schule bleiben." Das schränke die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung ein. Anders stellt sich für die Schülervertreter die Situation bei den Ganztagsschulen dar. Die könnten durch eine bessere Verteilung den Unterricht besser rhythmisieren. Die Konsequenzen daraus müssten aber die Schulkonferenzen vor Ort ziehen, in denen neben Lehrern auch Eltern und Schüler vertreten sind.

"Im Prinzip wäre ein späterer Unterrichtsbeginn sinnvoll", sagt für die Lehrergewerkschaft GEW ihr Geschäftsführer Matthias Schneider. Doch das setze eine gebundene Ganztagsschule voraus. Wie Kern sieht Schneider das Problem, dass die Schule dann auch später aus ist. Für den Verband Bildung und Erziehung verweist Sprecher Michael Gomolzig auf die organisatorischen Probleme hin. Gleitzeit für Schüler bleibe Zukunftsmusik. Erstklässler seien oft zur ersten Stunde quicklebendig. Aber bei ihnen seien die Schulen angehalten, erst mit der zweiten Stunde anzufangen, wegen der dunklen Schulwege im Winter.

Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser nennt weitere praktische Probleme. Viele Kinder müssten aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern schon früh in der Schule sein. "Für sehr sinnvoll halte ich gleitende Schulbeginne über einen bestimmten Zeitraum", sagt sie.


Skepsis

Für die Städte als Schulträger verweist Dezernent Norbert Brugger auf die Probleme, die es bereits mit Ganztagsschulen gebe. "Schon jetzt klagen manche Vereine, dass Ganztagsschulen den Spielraum für das Engagement von Schülern beschneiden." Eine generelle Verschiebung hätte "ganz erhebliche organisatorische Auswirkungen" bei der Schülerbeförderung und den Betreuungsangeboten rund um den Unterricht.

 

 

 

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