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Braucht Zeit, spart Geld

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Schöne Aussichten. Vier Tage Berlin. Freunde aus Schweden treffen, die ganz heiß sind auf Deutschlands hippe Hauptstadt. Beim Verkehrsmittel sind wir offen. Das Auto kommt nicht infrage. Zum Trampen sind wir zu alt. Bahn und Flugzeug? Würden beide um die 250 Euro kosten. Bleibt der Fernbus. Unschlagbare 22 Euro einfach von Neckarsulm nach Berlin mit Mein Fernbus/Flixbus. Macht 88 Euro hin und zurück für zwei Personen. Die Buchung im Netz geht schnell. Laut Fahrplan soll die Reise knapp über sieben Stunden dauern. Gut, in der Zeit könnten wir auch nach New York fliegen. Aber wir wollen nach Berlin.

Eine Freundin fährt uns frühmorgens zur Haltestelle. Aber die auf dem Online-Ticket ausgedruckte Neckarsulmer Kanalstraße ist an diesem sonnigen Samstagmorgen eine große Baustelle. Ein freundlicher Taxifahrer weist uns den Weg auf die andere Seite der Gleise, zur Shell-Tankstelle. Erste Panikattacken, die Zeit wird knapp. Das fängt ja gut an. Schon von weitem fällt uns der grasgrüne Bus ins Auge. Der Fahrer steht davor und raucht. Die meisten Passagiere haben sich in Richtung Tankstelle verzogen, einige schlafen im Bus.

 

Freie Platzwahl

 

Wir wuchten unsere Taschen selbst in den Gepäckraum und stoßen uns dabei den Kopf an der geöffneten Klappe. Der Fahrer liest unsere Tickets aus: "Freie Platzwahl." Wir gehen nach hinten. Schon bei Schulausflügen verhießen die hinteren Reihen sowas wie Anarchie, weil sie außerhalb des Einflussbereichs der Lehrerautorität zu liegen schienen. Der Bus, der aus Freiburg kommt, ist schütter besetzt. Die nächsten sieben Stunden soll er so etwas wie unser Zuhause werden. Er startet und biegt fahrplanmäßig auf die Autobahn ab.

In den großflächigen, sauberen Fenstern huscht die Landschaft vorbei. Wlan ist kostenlos, in jeder Reihe gibt es Steckdosen. Die Sitze sind bequem, man kann sie in den Gang klappen und in alle möglichen Positionen bringen. Es gibt ein Gepäcknetz und einen Fußschemel gegen Wadenkribbeln, Kniescheibenstarre oder Wirbelsäulenweh. Snacks und Getränke sind günstig beim Fahrer zu erwerben. Aber die meisten haben ohnehin Wurstbrote und Wasserflasche griffbereit. Im Bus sitzen viele Junge, viele Ältere und einige, die mit Plastiktüten reisen. Fast alle haben mobile Endgeräte dabei.

 

Lautlos

 

Auf der A 81 herrscht wenig Verkehr. Drei Reihen vor uns auf der anderen Seite sitzt ein junger Mann, der die verlorene Lebenszeit via Laptop mit permanentem Filmgucken füllt und dabei massenhaft Brote und Kuchen verschlingt. Er hat die Vorhänge zugezogen und wird bis Berlin kein einziges Mal aus dem Fenster geschaut haben. Dafür war er vier Mal auf der Toilette. Vielleicht fährt er ja öfter diese Strecke und kennt alles in- und auswendig. Der Fahrer begrüßt kurz und murmelt etwas vom nächsten Halt in Würzburg und einer 30-minütigen Pause an der Autobahnraststätte Mellrichstadt. Mellrichstadt? Die meisten werden ohnehin nicht wissen, wo sie gerade sind. Am Würzburger Hauptbahnhof steigen zehn Leute zu, fast lautlos, man grüßt nicht, setzt sich einfach auf einen freien Platz und stöpselt sich ein. Hinter uns sitzt jetzt ein junger Russe, der lautstark eine lange Telefonliste abarbeitet. An der Raststätte Mellrichstadt im Niemandsland zwischen Thüringen und Bayern hält der Bus 30 Minuten.

Alle Passagiere vertreten sich die Beine in der Nähe des grünen Vehikels. In der Raststätte entwickelt sich ein Disput zwischen uns und einem freundlichen, aber hartnäckigen Angestellten über die Bestandteile von Café crème. Und weiter geht es durch die leere Thüringer Landschaft bis zu den Plattenbauten von Suhl/Zella-Mehlis, dem letzten Halt vor Berlin. Zwei Leute steigen aus, zwei zu. Es ist früher Nachmittag, und im Bus, der auf der A 71 viele Tunnel passiert, herrscht Ruhe, weil die meisten dösen. Jetzt ist Zeit, ungestört in den Berlin-Unterlagen zu schmökern. Mit Tempo 100 rollen wir der Hauptstadt entgegen. Diese Gleichförmigkeit hat etwas sehr Beruhigendes. Der Blick aus dem Fenster zeigt: Der Osten ist ziemlich leer. Auf die Minute genau erreichen wir den ZOB Berlin, den Zentralen Omnibusbahnhof.

 

Lokführerstreik

 

Vier Tage später: Erster Tag des GDL-Lokführerstreiks. In Berlin fahren die U-Bahnen, nicht aber die S-Bahnen. Am ZOB wimmelt es von Menschen. Eine riesige Anzeigentafel überragt das Terminal. "Auf Gate 9 wird jetzt Ihr Mein Fernbus/Flixbus nach Münster bereitgestellt", säuselt eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Unser Bus nach Freiburg via Suhl/Zella-Mehlis, Würzburg, Neckarsulm, Karlsruhe und Offenburg ist fast voll.

Beide Fahrer, ein Berliner und ein Hamburger, begrüßen: Der Hamburger hält einen langen Vortrag über Sauberkeit und Hygiene im Bus ("Müll in die dafür vorgesehenen Behälter oder am besten wieder mitnehmen, und auf der Toilette bitte nicht nach dem Lichtschalter suchen, das Licht geht allein an, und bitte auch beim kleinen Geschäft hinsetzen wegen der Hygiene und wegen Ihrer eigenen Sicherheit bei plötzlichen Bremsmanövern"). In einem Satz: "Hinterlassen Sie den Platz so, wie Sie ihn vorfinden möchten." "Sollen wir vor dem Aussteigen noch die Fenster putzen?", entfährt es einer Frau hinter uns. Schallendes Gelächter.

 

Raststätten-Rabatt

 

In Suhl steigen zwei Frauen ein, so um 80 und 50 Jahre alt. Sie finden keinen freien Zweier mehr: "Warum können sich denn die Einzelreisenden nicht nebeneinander setzen?", motzt die Jüngere. Wieder 30 Minuten Rast in Mellrichstadt. Zuvor hatten die Fahrer darauf hingewiesen, dass Mein-Fernbus-Flixbus-Kunden zehn Prozent Rabatt bei Speisen erhalten. Auf der Hinfahrt war dieser Hinweis unterblieben. Durch die Glasfront sehen wir, wie das Personal hinter der Theke feixt, als die Meute aus dem grünen Bus die Raststätte stürmt. Der Mann, der uns am Samstag den Café crème verkauft hat, ist auch wieder da.

Nach der Pause fehlt eine Passagierin. Hat sich das mit dem Rabatt wohl zu Herzen genommen und ein ganzes Menü geordert. Der Bus wartet eine Minute, fährt dann ab: "Die Bahn wartet auch nicht", sagt der Fahrer knapp. Der Berliner Kollege sammelt die Habseligkeiten der Frau ein. "Is det dein Jepäck?", fragt er die Nachbarn rundherum. Die Frau muss nun auf ein Taxi, einen barmherzigen Fahrer oder den nächsten Fernbus warten, während ihr Gepäck gen Freiburg schippert. "Wir finden individuelle Lösungen, um Gepäck und Fahrgast wieder zusammenzubringen", erklärt Unternehmenssprecherin Marie Gloystein.

In Würzburg steigen im Berufsverkehr einige Passagiere aus und zu, aber den einzigen Stau auf den 1300 Kilometern, die wir in 15 Stunden durch Deutschland gefahren sind, erleben wir am Weinsberger Kreuz. Dennoch: Mit nur zwei Minuten Verspätung hält der Bus in Neckarsulm. An beiden Fahrten gibt es überhaupt nichts zu meckern. Einige Tage später bittet uns das Unternehmen um eine Bewertung. Seltsamerweise nur für die Hinfahrt.

 

3500 Fahrer, 640 Busse

 

Nach der Liberalisierung des Fernbusverkehrs 2013 fahren 3500 Fahrer die 640 Busse von Mein Fernbus/Flixbus in 15 Länder. Die Betriebssteuerung in Berlin hat die gesamte Flotte im Blick, analysiert die Verkehrsflüsse und kann die Busse zentral umleiten.

 

 

 

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