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Eine Sucht, kein Lifestyle

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Bereits als junges Mädchen begann Sara mit dem Zählen von Kalorien. Mit 14 Jahren entschied sie sich zum ersten Mal, sich nach dem Essen freiwillig zu übergeben. In ihrem Buch "Hungriges Herz" schildert die 27-Jährige ihr Leben mit der Essstörung Bulimie. Mit Milva-Katharina Klöppel sprach sie über die Sucht, Diäten und falsche Vorbilder. 

Gerade die ersten Seiten deines Buches lesen sich sehr positiv. Du nimmst ab, bekommst Komplimente und hast einen tollen Freund. Glaubst du nicht, dass es sich für einige Mädchen wie eine Anleitung liest?

Sara: Ne, es ist einfach ehrlich. Ich habe mit dem Buch während meiner Therapie gegen die Essstörung angefangen. Ich wollte, dass man sieht, wie ein krankes Hirn ungefiltert funktioniert. Dass das Erbrechen von Essen für mich am Anfang wie eine ganz tolle Idee aussah, ist halt einfach so. Das ist bei jeder Sucht so.


Aber du bist in deinen Beschreibungen sehr genau – ist das für labile Mädchen nicht gefährlich?

Sara: Solche Ratschläge finden die Mädchen auch in drei Sekunden bei Google. Ich weiß, dass mein Buch teilweise so brachial ehrlich ist, dass es schwierig zu lesen ist. Wenn die Mädchen die ersten fünf Kapitel gelesen haben, wissen sie aber, dass wir in einem Boot sitzen. Wenn man sich selbst hasst und immer was verkehrt an sich findet, dann denkt man immer, man steht damit alleine in der Welt. Das stimmt aber nicht.


Bis heute gibt es Foren im Internet, in denen sich Betroffene gegenseitig bis zum Limit puschen. Wie sieht sowas aus?

Sara: Es ist schlimm. Jahrelang bin ich dort hingegangen, wenn ich kurz davor war einzuknicken. Es gibt dort Tabellen, in denen verglichen wird, wer wie viel in einer Woche abgenommen hat. Man wird beschimpft, wenn man nicht genug abgenommen hat. Es gibt Webseiten, die heißen Pro-Ana und Pro-Mia. Das erste heißt abgekürzt "für Anorexia nervosa", das heißt "für Magersucht". Pro-Mia ist gleichbedeutend mit "für Bulimia nervosa", das heißt Ess-Brechsucht.


Was passiert dort?

Sara: Die Krankheiten werden personifiziert. Es heißt dann Mia und Ana sind deine besten Freundinnen. Die einzigen, die dich nie verlassen. Und es fallen Schlagwörter und Sätze wie: Nichts schmeckt so gut wie das Gefühl, schlank zu sein.


Sprüche, wie sie jetzt im Frühling auch in vielen Frauenzeitschriften zu finden sein könnten...

Sara: Nach meiner Therapie sehe ich jetzt, welchen Gehirnwäschen wir tagtäglich unterzogen werden. Heute weiß ich, dass irgendwelche Shakes oder Saftkuren nichts anderes als Mangelernährungen unter dem Deckmantel von Detox sind. Bei mir fing das ja auch so an. Ich war auf Diät seit ich zehn Jahre alt war. Ich bin von keine Kohlenhydrate essen über bloß kein Fett und Zucker zu Shake-Diäten gekommen. Wenn man verzweifelt ist, macht man alles. Wobei diese Shakes der Anfang vom Ende sind. Von ein paar Tage hungern und Shakes trinken bis hin zum ersten Fressanfall ist es nur noch ein Katzensprung.


"Hungriges Herz", so der Titel deines Buches. Warum hast ihn gewählt?

Sara: Wenn man das Buch liest, merkt man, dass es nicht nur um Bulimie geht. Fast die Hälfte meines Lebens habe ich versucht, jedes Loch in meinem Herzen mit Essen zu stopfen. Die Sucht war meine Waffe gegen Einsamkeit, Liebeskummer und schlicht Leere. Erst in der Therapie hab ich gelernt, dass das Herz sich nicht bestechen lässt. 


Du erzählst auch von den Nebenwirkungen: kaputte Zähne, brüchige Fingernägel, Haarausfall. Hat das niemand mitbekommen?

Sara: Hätte es jemand sehen wollen? Ganz ehrlich: Nee. Wenn man sich selbst nicht liebt, zieht man automatisch Menschen in sein Leben, die einen auch nicht richtig lieben. Das war in allen meinen Beziehungen so. Erst seitdem ich nach mir selbst gucke und mich akzeptiere, lasse ich Leute in mein Leben, die mir gut tun und die sich wirklich für mich interessieren. Ich bin halt zum Beispiel ein ganz emotionaler Waschlappen und das muss man auch mögen.


"Bulimie ist die Hand, die mich auffängt und eines Tages umbringen wird. Das klang für mich nach einem fairen Deal." Wodurch ist diese Abmachung ins Wanken geraten?

Sara: Ich hatte kein Problem mit einem frühen Tod – bis ich schwanger wurde. An dem Tag, als ich von meiner Schwangerschaft erfuhr, änderte sich alles. Plötzlich war ich Mutter und nicht mehr nur für mich verantwortlich. In den ganzen neun Monaten habe ich mich nicht übergeben.


Du hast eine zwölf Jahre lange Krankheitsgeschichte mit bis zu zehn Mal übergeben am Tag hinter dir. Auf dem Papier bist du heute wieder gesund. Aber geht das überhaupt?

Sara: Am 13. März werden es acht Monate, die ich mich nicht mehr übergeben habe. Und ein gutes Jahr bin ich jetzt in Therapie. Das ist gut, aber ich bin vorsichtig. Obwohl ich mir heute nicht mehr vorstellen, mich zu übergeben und mir selbst zu schaden. Aber süchtig ist süchtig. Wie ein Alkoholiker muss ich meine Grenzen kennen. Gerade am Anfang des Gesundwerdens gab es ganz viele Nahrungsgruppen, die mich viel zu leicht dazu verleitet hätten, mich wieder zu übergeben. Das war vor allem Essen, das ich früher für Fressanfälle genutzt habe – Eiscreme, Pizza, Nudeln mit Soße. Es gab und gibt nur ganz wenige Dinge, die ich problemlos essen konnte. Zum Beispiel Bananen – die habe ich immer nur zu mir genommen, damit ich nicht andauernd ohnmächtig werde. Essengruppen wie Croissants oder Krapfen, die ich nur zum Rauswürgen gegessen habe, kann ich immer noch nicht essen.


Klingt echt hart – vor allem, weil man ja essen muss. 

Sara: Genau. Es ist so, als würde man einem Alkoholiker sagen, er soll jeden Tag ein halbes Glas Wein trinken. Würde nie funktionieren. Und deshalb ist die Rückfallquote bei Bulimikern auch so viel höher als bei Koksern. 


Was kann ich als Freundin, als Schwester tun, wenn ich von einer Essstörung mitbekomme?

Sara: Das hört sich jetzt komisch an, aber das Erste ist, den Betroffenen mit bedingungsloser Liebe zu überschütten. Auch wenn der sich gerade wie ein komplettes Arschloch aufführt. Süchtige verhalten sich oft merkwürdig. Nur wenn sie die Gewissheit der bedingungslosen Liebe haben, öffnen sie sich auch und trauen sich, mit einem zu reden. Wenn das passiert ist, sollte man Arm in Arm zur nächsten Beratungsstelle gehen. Das ist ein großer Schritt, wenn der Betroffene merkt: Ich bin nicht alleine. Er muss erkennen, dass es eine Sucht ist und kein Lifestyle.

Auch Stimmt!-Schreiberin Nele (Name geändert) berichtet von ihrem Kampf gegen die Magersucht


 

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