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Erinnerungen einer alten Dame

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Am 7. Mai 1945 - vor 70 Jahren - endete der Zweite Weltkrieg. Genau so viele Jahre trennen auch Renate Bauspieß und Stimmt!-Schreiberin Sarah Oberleiter. Bei einer Tasse Tee und alten Fotoalben tauschen die heute 89-Jährige und die 19-jährige Abiturientin Gedanken und Erfahrungen aus. Sarah ist beeindruckt, wie gut sich Renate Bauspieß an ihre Jugend in den 1930er und 1940er Jahren erinnert. 

 

Durch den Krieg war die Bevölkerung ab 1939 einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Wie haben Sie diese wahrgenommen? 


Renate Bauspieß: In der Zeit selbst habe ich die Bedrohung gar nicht als solche erlebt, weil es den ganzen Tag ums Funktionieren ging. Die Erleichterung, wenn ich irgendetwas bewältigte, war so beherrschend, dass ich nicht in großen Zusammenhängen über die Ereignisse nachdachte. Ich wollte nur einen Tag um den anderen überstehen.

Wie sah Ihr Leben aus, als Sie so alt wie ich jetzt waren?

Bauspieß: Mit 19 Jahren habe ich in Tübingen mein Medizinstudium begonnen. In der vorlesungsfreien Zeit absolvierte ich eine Ausbildung zur Schwesternhelferin. Zur Universität gehörten Kliniken, die auf Gesichtsverletzungen spezialisiert waren. Diese, die Altenheime und auch die Sanatorien wurden vor allem für die Kriegsverwundeten gebraucht. Deshalb wurden die alten und gebrechlichen Menschen ausquartiert und in Baracken verfrachtet. Einige Betten standen sogar auf Grünflächen. Man teilte mich, mit einer mehr oder weniger guten Anleitung, zum Pflegedienst ein. Während dieser Zeit kümmerte ich mich auch um Menschen, die schwer verletzt waren. Ihre Gesichter waren teilweise so entstellt, dass sie mich lange bis in die Träume verfolgt haben.“

Allein bei der Vorstellung läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. An welche Momente denken Sie gerne zurück?

Bauspieß: Erinnerungshöhepunkte spiegeln sich in meiner Kindheit wider. Beliebte Kinderbücher, die meine ganze Familie las, schrieben meine Eltern zu Theaterstücken um. Statt Fasching gab es bei uns um diese Zeit herum einen Theatertag. Dafür nähten wir gemeinsam die Kostüme und stellten Requisiten her. Mein Vater malte die Kulissen und meine Geschwister und ich führten die Werke auf. Auch ein Teil unserer Nachbarn und Freunde beteiligte sich daran. Das war immer sehr schön.

Wie pflegte man die Beziehung zu Freunden?

Bauspieß: Die Auswahl von Freunden war sehr durch die Eltern geprägt. Früher trafen sich befreundete Familien zu Spiel- oder Wandernachmittagen. Gemeinsam mit Freunden in die Disco oder in der Stadt Pizzaessen zu gehen, wie es heutzutage üblich ist, war damals nicht möglich. Dazu fehlte das Geld und die Gastronomie.

Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten, etwas zu ändern. Was hätten Sie umgestaltet?

Bauspieß: Gelegenheiten, sich selbst etwas zu wünschen, haben sich gar nicht ergeben. Es war schon viel, dass meine Schwester und ich eine Ausbildung machen durften. Das war nicht üblich und in der damaligen Zeit ein Zeichen für Armut. Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass sie während dieser Zeit von anderen sehr erstaunt gefragt wurde, ob unsere Familie das nötig hätte. 

Was hat sich im Laufe der Zeit am meisten gewandelt?

Bauspieß: Die Familienstrukturen haben sich aufgelöst. Früher war das soziale Gerüst viel überschaubarer, aber auch sehr eingeengt. Wenn sich eine junge Frau und ein junger Mann zusammentun wollten, musste er beim Vater der Frau um ihre Hand anhalten. Dieser wiederum verlangte von dem jungen Mann eine gesicherte Existenz und eine entsprechende Rückversicherung für seine Tochter, falls er einmal vorzeitig umkommen sollte. Dinge, die heute weitgehend durch alle möglichen wirtschaftlichen Zweige abgesichert sind, wurden früher im Privaten sehr gründlich bedacht, geregelt und formuliert. Und wenn der junge Mann die Voraussetzungen für eine Ehe nicht erfüllen konnte, kam er als zukünftiger Schwiegersohn nicht in Frage.

Wurde das in allen Familien so gehandhabt?

Bauspieß: Dadurch, dass mein Vater auch in ärmeren Familien sehr engagiert war, weiß ich, dass es dort lockerer zuging und es diese Regeln nicht gab.

Und wie haben sich die sozialen Unterschiede geäußert? 

Bauspieß: In Sachsen gab es eine Industrielandschaft. Dort herrschten gewaltige, gesellschaftliche Unterschiede. Die Fabrikanten lebten im großen Stil. Sie hatten schon ihr eigenes Flugzeug und reisten zur Stoffmesse nach Paris. Die Arbeiter, die am Färbetrog standen, hatten hingegen nichts zum Lachen. Als die Russen im Winter 1944/45 einmarschierten, spitzten sich die Ereignisse zu. Die Oberschicht versuchte aus panischer Angst vor den russischen Kampftruppen zu fliehen oder hängte sich auf. Daraufhin wurde ein neuer Bürgermeister geholt. Er war ein intelligenter Kommunist, der die Chance nutzte, aus seiner eigenen Misere herauszukommen. Gemeinsam mit weiteren Kommunisten ging er in der Stadt von Arztpraxis zu Arztpraxis, um brauchbare Gegenstände, wie zum Beispiel Geräte für seine Landsleute, zu ergattern. Das hatte zur Folge, dass in allen zertrümmerten Städten die sozialen Schichten und die wirtschaftlichen Verhältnisse durcheinandergewirbelt und neu gemischt wurden. Plötzlich war oben unten. 
 

Zur Person


Renate Bauspieß wurde 1925 als Tochter einer Lehrerin und eines Arztes in einer kleinen Industriestadt in Sachsen geboren. Sie hatte noch eine Schwester und zwei Brüder. Mit 17 Jahren machte sie ihr Abitur. Nach einem Jahr Sozialdienst begann sie ihr Medizinstudium. Bereits mit 19 Jahren heiratete sie den Arzt Fritz Bauspieß, mit dem sie fünf Kinder bekam. Trotz ihrer Rolle als Mutter legte sie neben ihrem Studium als 20-Jährige ihr Schwesternexamen ab. Heute lebt die 89-Jährige in einem Pflegeheim in Heilbronn-Sontheim. Ihr Gedächtnis trainiert sie täglich mit dem Lesen von Zeitungen, der Recherche im Internet sowie mit Gesellschaftsspielen. Mit ihren Enkeln steht sie nicht zuletzt via E-Mail im Kontakt. 

 

Der Lieblingsspruch von Renate Bauspieß


"Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude."
Rabindranath Thakur/ Tagore  (1861-1941; indischer Dichter und Philosoph) 

 

Tipps von Renate Bauspieß für Jugendliche 


1. "Wenn Türen zufallen, durch die man gerne gegangen wäre, ist es wichtig, geduldig zu sein und sich nicht entmutigen zu lassen. Man sollte immer darauf hoffen, dass sich irgendwann eine andere Türe für die geschlossenen auftut."

2. "Situationen, die zunächst nicht vielversprechend aussehen, können trotzdem gut enden."

3. "Man sollte immer auf seine Mitmenschen Acht geben. Denn was man Gutes für diese tut, kommt auch irgendwann wieder zu einem selbst zurück. Das ist der Sinn von Geben und Nehmen."

4. "Man sollte nie die Freude am Dazulernen verlieren. Denn wenn man nicht mehr bereit ist, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, wird die Welt sichtbar kleiner."

5. "Jeder Tag ist ein Geschenk, den man dankbar nutzen sollte." 

6. "Wenn man schöne Sprüche in einer Zeitung entdeckt, sollte man sie sich in einem Buch notieren. Diese können eine große Hilfe sein, wenn man verstimmt oder ratlos ist. Sie verleihen Mut und Kraft, schwierige Situationen zu meistern."


 

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