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Die Reise meines Lebens

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Ich dachte immer, ein Euro sei eine Kurzstreckenbusfahrt in die Innenstadt von Heilbronn. Oder eine Butterbrezel. Aber ein Euro kann viel mehr wert sein: Ein Burmese kauft sich davon zum Beispiel seine tägliche Nudelsuppe. Ein Thailänder isst mit der Summe seinen Sticky Rice mit Mango als Abendessen und ein Vietnamese trinkt von dem Geld seine drei Gute-Nacht-Biere. Für nur einen Euro tankt der Malaysier sein Mofa voll. Und für drei deutsche Butterbrezeln mehr kann ich in einem, zwar heruntergekommenen aber sauberen,  Hotel in der Khaosan Road in Bangkok inklusive  Frühstück übernachten. 

 

Backpacker-Feeling


Meine Reise begann Ende Oktober in Bangkok. Seither findet ein Umdenken bei Preis und Leistung statt. Unser erstes unglaublich billiges Hotel bot zwar keine Fenster, dafür aber ein paar tote sowie lebendige Kakerlaken vor und in unserem Zimmer. Von Beginn an also das richtige Backpacker-Feeling. Ich fühlte mich wie im Film The Beachnur ohne Leonardo DiCaprio. Dafür aber mit Anna, 19 Jahre alt und wie ich aus Heilbronn. Meine langjährige Schulfreundin erwies sich seither als vortrefflicher Reisekumpan und Entferner von Insekten jeglicher Art. Fünf  Monate wollten wir gemeinsam in Asien verbringen. 

Mit dem Flieger von Frankfurt aus machten wir uns auf den Weg, das Rucksack-Reisegefühl zu erleben. In den vergangenen Monaten erfuhren wir Reisen auf ganz unterschiedliche Arten. Wir schliefen in der thailändischen Provinz Chiang Mai mehrere Nächte im Dschungel, bevor wir wieder unsere 50-Liter-Rucksäcke schulterten und mit einem Klappergestell fuhren, das einen Bus darstellen sollte – und in Deutschland wahrscheinlich 1980 bereits für straßenuntauglich erklärt wurde. 15 Stunden fuhren wir nach Bagan, eine historische Königsstadt in Myanmar, um uns dort den einmaligen Sonnenaufgang auf einer Pagode, einem turmartigen Gebäude, anzuschauen.

Wir mieteten uns  auf Langkawi Mofas und suchten den verlassensten Strand der Insel. Kleinen Kindern, die Postkarten verkauften, schenkten wir Cola und trafen immer wieder andere Reisende, die uns eine Weile begleiteten  oder mit uns so manchen Abend in einer Bar verbrachten. 

Als Backpacker gehört man einer Gruppe an, die etwas von der Welt sehen will. Viele nehmen sich eine ähnliche Route vor. Manchmal trifft man jemanden, den man vor einem Monat in einem anderen Land zuletzt gesehen hat, ungeplant in einer riesigen Metropole wieder. Und manchmal, da treffen sich alle. Ob auf einer einsamen Insel in der Halong Bucht in Vietnam, auf der man zig Mal die gleichen Fragen beantwortet und wo man nach drei Bier doch nicht mehr so viel Angst vor den Fischen hat und plötzlich vom zehn Meter hohen Boot ins Meer springt. Oder bei der "Full Moon Party" in Koh Phangan/Thailand. Hier zerquetschen sich fast jeden Monat tausende Menschen, pinkeln ins Meer oder springen zu schrillem Techno bunt herum. Oder einfach in einer kleinen Bar in Mui Né/Vietnam, wo der Billiardtisch endlich frei wird, jemand hinters DJ-Pult klettert, die Strobo-Lichter anmacht und getanzt wird. Alle Wege stehen einem offen, doch jeder Weg scheint nach Rom zu führen. Oder besser gesagt in die Khaosan Road, zur Full Moon Party und in die Halong Bucht. 

 

Festessen


Aber wenn man vorhat, fünf Monate auf dem Weg zu sein, fühlt es sich manchmal auch gut an, ein Ziel zu haben. So wurden wir über Weihnachten zu Teilzeit-Touristen. Wir genossen die Tage am Pool und schmuggelten uns zum Festessen an Heiligabend in Restaurants, die wahrlich über jedem Traveller-Budget lagen. Wir beobachteten die Touristen, die zwei Wochen auf Phuket in Süd-Thailand Urlaub machten, und bei unseren Berichten feuchte Augen bekamen und uns das echt nicht glauben konnten. Aber für manche Menschen waren wir weder Backpacker noch Touristen. Wir waren Fremde. Weiße. In ihren Augen reich und neu. Raus aus dem Hotel und sofort beobachteten 30 burmesische Augenpaare jede unserer Bewegungen.

Kleine Kinder winkten uns zu, Preise wurden erhöht. Oft wurden wir freundlich an die Hand genommen und uns wurde auch ohne Geld unter die Arme gegriffen. Wobei dabei auch immer die Angst da war, dass sich jemand vergreift. Selten, aber oft genug, wurde geklaut und gelogen, von anderen Mitreisenden oder Einheimischen. Warnungen haben wir nicht immer ernst genommen. Uns würde schon nichts passieren, doch so schnell konnte ich gar nicht schauen, wie meine Tasche die Straßen der Ho-Chi-Minh-Stadt ohne mich entlang raste. Ärgerlich, aber kein Weltuntergang. 

 

Taschendiebstähle


Die Welt ging für uns erst richtig unter, als die Nachbeben des Taifuns Hagupit Anfang Dezember Vietnam erreichten. Die Welt schien uns offenzustehen. Bei Sturm und Regen begannen wir allerdings, den einzigen englischen Kanal unseres Oldschool-Fernsehers zu lieben. Tage im Hotelzimmer hatten aber auch ihre Vorzüge – sie waren billig. Und nach Taschendiebstählen und Bootsausflügen hatten wir ein paar sparsame Tage bitter nötig. In jenen Stunden wurde uns klar, dass das Reisen nicht immer gut läuft. Aber meistens. Denn wir fingen an, der Sonne nachzureisen, empfingen unsere neuen Kreditkarten aus Deutschland und alles schien wieder möglich.

Denn wenn man seine Kreditkarte am rechten Fleck hat, den gültigen Pass mit vielen freien Seiten im Rucksack und die Sonne bei milden 30 Grad auf die halbwegs asphaltierte Straße scheint, hat man alles, was man braucht. Reisen ist Freiheit. Eine Freiheit, tun und lassen zu können, was einem beliebt. Morgens ohne Wecker aufwachen und sich nur die Fragen stellen zu müssen: Wo schlafe ich heute Nacht? Wo esse ich? Auf was habe ich Lust? Keine Arbeit. Keine Pflicht. Reines Vergnügen. Dabei noch neue Leute treffen, atemberaubende Landschaften entdecken sowie über den eigenen Schatten springen. Das ist Glück


 

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