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best friends

Selfies auf den Schienen

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Sie umarmen sich fest, küssen sich auf den Mund. Eines der beiden Mädchen schreibt später unter das Foto: "Ich liebe dich einfach so sehr und egal was passiert, wir schaffen es zusammen." Egal was passiert? Die beiden Teenager hätten beim Fotografieren sterben können. Als Zeichen ihrer bedingungslosen Freundschaft entstand das Bild zwischen zwei Bahnschienen. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram laden gerade in der Sommerzeit Mädchen und junge Frauen Fotos hoch, auf denen sie so zu sehen sind. Es sind ganz oft beste Freundinnen, die der ganzen Welt zeigen wollen, wie fest sie zusammengehören.

Symbolik

"Die Faszination für das Gleisbett und den Fluchtpunkt der Schienen ist nicht neu, doch die Mädchen beleben die romantische Symbolik – Sehnsucht, Fernweh, Lebensweg – auf ihre Weise", erklärt Martin Voigt. Der Sprachwissenschaftler und Autor hat an der Ludwig-Maximilian-Universität in München seine Doktorarbeit "Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media" geschrieben. Als vor vier Jahren zwei Mädchen, 13 und 16 Jahre alt, in der Nähe von Memmingen von einem Zug erfasst wurden und tödlich verunglückten, nahm Voigt Kontakt mit der Bundespolizei auf.

Zeugen gab es damals nicht, alle mutmaßten über eine Mutprobe. Doch auf dem Handy und in den SchülerVZ-Profilen entdeckte man Fotos, wie die Mädchen zwischen Schienen posierten.

Prävention

Seither knüpft die Präventionsarbeit der Polizei an die Forschung von Voigt an. "Die Emotionalisierung von Mädchenfreundschaften ist ein jugendkulturelles Phänomen", analysiert Voigt (29). "Es hängt eng damit zusammen, dass mit dem Aufkommen der Onlinenetzwerke soziale Beziehungen in ganzen Jahrgangsstufen transparent und vergleichbar wurden."

Erst am vergangenen Samstag erwischte die Polizei in Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis) zwei elfjährige Mädchen, die auf Gleisen posierten. Im Gespräch mit den Beamten äußerten die Kinder, dass es derzeit "in" sei, solche Bilder zu machen. Der jüngste Fall in Heilbronn, Anfang Juni, zeigt jedoch, dass nicht nur Minderjährige dramatisch-schöne Mädchenfreundschaften inszenieren wollen. "Wir haben vier Frauen im Alter von 19 bis 23 Jahre auf Gleis 4 aufgegriffen", erinnert sich Harald Trautmann, Präventionsbeauftragter von der Bundespolizei in Stuttgart. Die jungen Frauen seien mit einer mündlichen Verwarnung davon gekommen.

"Wenn jedoch ein Zug bremsen muss, handelt es sich bereits um eine Straftat wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr", sagt Trautmann. Auch der Blick in den Fahrplan reicht nicht aus: Wartungs-, Güter- und Sonderzüge sind hier nicht aufgeführt. Dass die Zahl der Fälle mit gefährlichen Selfies zunimmt, kann die Bundespolizei bestätigen. "2013 und 2014 hatten wir in ganz Baden-Württemberg jeweils zwölf Ereignisse, in diesem Jahr liegen wir bereits bei neun", so Trautmann. Zum Glück ohne tödlichen Ausgang.

 

 

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