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Alle schicken Snaps

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Das ganze Internet ist von Facebook besetzt. Wirklich das ganze Internet? Nein – eine kleine unbeugsame Smartphone-App versucht derzeit, ernsthaft Widerstand zu leisten. Ungefähr wie das kleine gallische Dorf in den bekannten Asterix-Comics könnte man die Situation des Nachrichtendienstes Snapchat beschreiben. Er hat bislang zwar nur einen Bruchteil der Nutzer von Facebook (100 Millionen gegenüber 1,6 Milliarden), schafft es aber fast, mit rund sieben Milliarden Videoklicks pro Tag dem Platzhirsch (knapp acht Milliarden) zumindest in der Kategorie Bewegtbilder den Rang abzulaufen. 

Funktionen

Auf den ersten Blick ähnelt Snapchat von seiner Funktionsweise anderen Messengern wie Whatsapp oder Facebook. Man kann anderen Nutzern Nachrichten schicken, mit ihnen chatten, auch ein Videochat ist möglich. Bilder und Videos, die Nutzer erstellen, mit Hilfe von Filtern und Effekten verändern und dann verschicken, werden Snaps genannt. So kann man sich beispielsweise einen Regenbogen aus dem Kopf oder dem Mund wachsen lassen, das Gesicht zu einer mehr oder weniger lustigen Fratze verändern oder per "Face-Swap“ auf Fotos mit mehreren Personen einfach die Gesichter tauschen. Diese Snaps lassen sich auch zu einem Album, der Snapchat-Story, verbinden.

Der große Unterschied jedoch: Alle Snaps werden maximal zehn Sekunden angezeigt und dann gelöscht. Verlässt einer der Teilnehmer einen Chat, werden die Nachrichten darin gelöscht. Die einzige Ausnahme bilden die Stories, die 24 Stunden erhalten bleiben und auch öfter anwählbar sind.

Anziehung

Was sich gerade mal nach einem kurzzeitigen Spaß anhört und für viele nicht praktikabel klingt, scheint jedoch auf Jugendliche eine besondere Anziehungskraft auszuüben: In allen verfügbaren Erhebungen sind weit mehr als die Hälfte der Snapchat-Nutzer jünger als 24 Jahre. "Viele Leute über 20 scheinen kaum zu begreifen, wozu die App überhaupt gut ist“, schrieb der "Spiegel“ deshalb einmal über das neue Phänomen. 

Offenbar sorgt die Tatsache, dass sich die Inhalte von Snapchat einer Archivierung entziehen, für einen Reiz der Flüchtigkeit und verleiht den Inhalten somit etwas Unmittelbares und Echtes. Und die Nutzer fühlen sich nicht verfolgbar. Vor allem das mag der Grund dafür gewesen sein, dass die App in ihren Anfangszeiten überwiegend zum Sexting, also dem Versenden von Nacktfotos, missbraucht wurde. Diese Nutzer sind aus Snapchat zwar nicht verschwunden, machen aber nur noch einen geringen Teil aus.

Auf der anderen Seite verliert Facebook gerade im jüngeren Segment zunehmend Nutzer. Die Erklärungen sind vielfältig: Facebook sei für diese Zielgruppe nicht mehr cool genug, die Datenmasse überfordere viele Nutzer, oder auch: Jugendliche wollen nicht dort angemeldet sein, wo auch ihre Eltern unterwegs sind. Und da Snapchat für Ungeübte recht unübersichtlich daherkommt, tummeln sich dort wenige ältere Nutzer. Doch damit könnte es auch schon bald wieder vorbei sein. In den USA wird Snapchat als das nächste Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen gesehen – und das, obwohl die Firma, ähnlich wie Twitter, noch keinen Dollar Gewinn abgeworfen hat. Damit das Unternehmen irgendwann einmal Gewinn macht, muss es massentauglich werden. Das neueste Update zeigt dabei schon, wohin die Reise geht: Mit einer Telefon-Funktion, der Möglichkeit, gespeicherte Bilder zu verschicken, oder einer neuen, vereinfachten Bedienung bewegen sich die Macher der App in Richtung Mainstream. Gut möglich also, dass Snapchat schon bald nicht mehr so einzigartig ist wie das kleine gallische Dorf. 

Datenschutz

Obwohl Snapchat offiziell alle Daten nach dem Aufrufen beziehungsweise nach kurzer Zeit löscht, bedeutet das noch lange keine Datensicherheit. Tatsächlich werden die Dateien nur mit einer anderen Dateiendung versehen, verbleiben also auf dem Endgerät, können lediglich von Standard-Leseprogrammen nicht mehr erkannt werden. Mittlerweile gibt es bereits Programme, die diese Daten wieder lesbar machen, sowie Apps, mit denen Snaps gespeichert werden können.

In diesem Zusammenhang verwundert auch, dass sich Snapchat das unwiderrufliche Recht einräumt, die auf den Servern des Unternehmens gespeicherten Bilder seiner Nutzer zu verwenden, zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Mit einer Neufassung der Datenschutzrichtlinien des Dienstes vom November 2015 darf Snapchat auch Name, Bild und Stimme seiner Nutzer in sämtlichen Medien unbefristet verwenden. Für Datenschützer ist das ein eindeutiger Hinweis darauf, dass Nutzerdaten eben nicht gelöscht, sondern weiterverwendet werden.

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