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Weg vom Bildschirm!

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Die moderne Gesellschaft steuert nach Ansicht des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf ein kollektives Burn-out zu. Immer mehr Menschen hätten das Gefühl, "einer stummen, gleichgültigen Welt“ gegenüber zu stehen, sagte Rosa der Deutschen Presse-Agentur. Seine Beobachtung ist, dass Menschen die Welt immer öfter nur noch via Bildschirm wahrnehmen. Im Interview erklärt der Soziologe, wann das ein Problem ist.

Sie forschen nach dem guten, gelingenden Leben. Woran machen Sie ein solches fest?

Hartmut Rosa: Es kommt darauf an, wie jemand mit der Welt verbunden ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, einer stummen, gleichgültigen Welt gegenüber zu stehen. Menschen, die ein gelingendes Leben führen, haben eine lebendige Verbindung etwa zu anderen Menschen, zur Natur, zu ihrer Arbeit. Das Leben gelingt nicht allein, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern wenn wir es lieben.

Symbolbild SMS

Was Sie beschreiben sind hauptsächlich sinnliche Erlebnisse. Dem steht die Digitalisierung vieler Arbeits- und Lebensbereiche gegenüber. 

Rosa: Ich glaube nicht, dass Digitalisierung grundsätzlich falsch und schlecht ist. Das Problem ist, dass wir immer mehr medial und digital auf die Welt bezogen sind. Fast alles, was wir tun – arbeiten, spielen, kommunizieren, vielleicht sogar sexuelle Abenteuer suchen – läuft über den Bildschirm. Und die Interaktion mit der Welt geschieht über die immer gleiche Fingerbewegung am Smartphone. Da sehe ich schon eine Verkümmerung. Bildschirme sind so etwas wie Resonanzkiller. Wenn sie zwischen uns und die Welt treten, dann wird es schwer, leibliche Resonanzbeziehungen zu erfahren.

Andererseits ermöglichen gerade soziale Medien wie Facebook oder Twitter Resonanz im Sinne von Feedback, indem andere Menschen Fotos oder Beiträge liken, teilen oder kommentieren.

Rosa: Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor. Die neuen Medien verstärken noch ein anderes Verhalten: Wir haben uns angewöhnt, die Welt nach immer interessanteren Optionen zu scannen. Dahinter steckt die Angst, irgendwo etwas zu verpassen. Dann kann ich aber nicht in eine Resonanzbeziehung treten. Die setzt nämlich voraus, dass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere loslässt – nach dem Motto: Ich werde etwas verpassen, aber das ist mir die Sache wert.

Ein Plädoyer für Entschleunigung und Muße?

Rosa: Entschleunigung an sich ist keine Lösung. Denn Langsamkeit kann nicht zum Selbstzweck werden. Ein langsamer Notarzt, eine langsame Internetverbindung oder eine langsame Achterbahn wären kein Zugewinn an Lebensqualität. Wenn Menschen von Entschleunigung träumen, dann meinen sie, in eine andere Beziehung zu den Dingen zu treten, eine andere Art des In-die-Welt-gestellt-Seins. 

Zur Person

Hartmut Rosa (50) ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena. Er ist bekannt für seine Studien zur Beschleunigung der Arbeits- und Lebenswelt. Zuletzt erschien sein Buch "Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

 

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