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Junge Kunst erzählt von Afrika

Übersicht

Namibia ist einer der ältesten Siedlungsräume der Menschheit. Darauf weisen Knochenfunde eines unserer Vorfahren, der bereits vor zwölf bis 14 Millionen Jahren gelebt hat.

In einer Höhle im Süden des Landes wurden 1969 Steinplatten mit Zeichnungen entdeckt, sie zeigen 27 000 Jahre alte Menschen- und Tierdarstellungen. Wiewohl eine neue Ausstellung im Museum Würth in Gaisbach "Namibia – Kunst einer jungen Generation“ Werke präsentiert, die die politische, soziale und wirtschaftliche Situation nach der Unabhängigkeit des Landes (21. März 1990) fokussieren, scheint in vielen gegenwärtigen Artefakten das Echo aus der Tiefe der Zeit mitzuschwingen. 

Panorama

Mit einer Auswahl von rund 150 Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler bietet das Museum Würth ein Panorama der dortigen Kunstlandschaft. Bereits unterschiedliche Techniken wie Öl- und Acrylmalerei, Kartondruck, Linolschnitt, Fotografie und Quilttechnik, Perlenstickerei, Collagen aus recyceltem Kunststoff und Altmetall sowie dreidimensionale Objekte aus Draht, Serpentin, Marmor oder Speckstein spiegeln die Vielfalt namibischer Kunst wider. 

Der freie Umgang mit Farbe, Ornament und Stoffen beeindruckt in teppichgroßen, stimmungsvollen Patchwork-Arbeiten von Linda Esbach – mit Titeln wie "Zersplittert…im Krieg gibt es keine Gewinner!“ und "Fünf Minuten vor Mitternacht“ – wie auch die virtuose Verwandlung von Plastikabfällen in großflächige, halbtransparente Häute von Filippus Sheehama

Die Verwendung von Abfallprodukten nimmt Bezug auf das alltägliche Konsumdenken in der namibischen Gesellschaft. "Stoff der Moral“ heißt ein tischdeckengroßes, schachbrettartiges Geflecht, auf dem bei genügend Abstand dunkle Hunde zu erkennen sind. Der (Straßen-)Hund ist bei Sheehama ein wiederkehrendes Motiv, beispielsweise in den Arbeiten "Einflussreiche Führung“ und "Auf der falschen Straßenseite“, das implizit die strukturelle Ungleichheit und den ausweglosen Zynismus (abgeleitet vom griechischen kyon = Hund) repräsentiert.

Aus weggeworfenen Kronkorken und Getränkedosen sind Reliefbilder auf Holz geworden wie "Gesundheit erneut unter Beschuss“ von Saima Iita, dessen Symboltier der Waran ist, in Namibia eine Metapher für besonders langsame und starrköpfige Menschen. 

Auch wenn sich die in Polen geborene Beate Hamalwa mit Schuh-Design und Modefotografie sehr dem Mainstream nähert, spürt man in vielen ihrer Exponaten eine nachvollziehbare Distanz zur westlichen Ästhetik: Ndasuunje Papa Shikongeni, eine Führungsfigur der zeitgenössischen Kunst, dem individuelle Freiheit und Spiritualität ein Anliegen ist, zeigt in seiner schlanken Holzskulptur eines Mannes im Schulterstand eine "Welt ohne Seelen“. John Kaludas hat ein kleines Objekt gebaut. Zwischen zwei Wellblechhütten und einem vertrockneten Baum parkt ein PKW, der Titel lautet "Der Lebensstil von 1990 existiert immer noch“. Sein jüngerer Kollege Ismael Shivute, der auf seinen Gemälden eine ähnliche Tristesse mit plattgedrückten, verrosteten Dosen ausstattet, betitelt lakonisch "Langer Weg“ und "Bis zur nächsten Generation“. 

Stilbildend

Subtil hyperrealistische Bleistiftzeichnungen von Gisela Marnewecke sind zu sehen, fotografische Rückenbilder (à la Casper David Friedrich) von Nicola Brandt von Frauen, die in eine dürre Savanne blicken, und immer wieder Kartondrucke, allen voran der international bekannte John Muafangejo, der stilbildend ist für die junge Generation, vertreten durch Salinde Willem und Lok Kandjengo.

Die kooperierende National Art Gallery of Namibia und ihr Direktor Hercules Viljoen sowie die bei der Ausstellungseröffnung anwesenden Gastkuratorinnen und Künstler sind überglücklich, hier in Gaisbach eine Plattform für ihre Kunst bekommen zu haben. 

Ausstellungsdauer 

Museum Würth Gaisbach (Künzelsau), bis 9. Oktober, täglich von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Der Ausstellungskatalog kostet 28 Euro.

Kolonialgeschichte

1884 stieg das Deutsche Kaiserreich in den sogenannten Wettlauf um Afrika ein. Als erste Kolonie des Reiches wurde Deutsch-Südwestafrika gegründet. Der Widerstand gegen die Kolonialmacht führte zur Schlacht am Waterberg (1904) und zu dem Völkermord an den Herero. Mit der Neuordnung der kolonialen Landkarte nach dem Ersten Weltkrieg 1919 verschärfte sich das Apartheid-System unter südafrikanischer Verwaltung. 1989 brachten die ersten freien Wahlen Namibia die Unabhängigkeit. 

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