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Dieser Apfel ist rot

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Rufmord gegen Politiker zu betreiben, ist ganz einfach. Man lade im Internet das Bild eines Abgeordneten herunter, erfinde ein Zitat, das diesen in einem schlechten Licht erscheinen lässt und bastelt daraus mit einem Grafikprogramm ein sogenanntes Meme − eine Schnipselbotschaft aus Text und Bild. Dieses schickt man im Internet über Social-Media-Kanäle wie Facebook oder Twitter und hofft, dass sie möglichst oft geteilt wird. Fertig ist die Schmutzkampagne.

Renate Künast, ehemalige Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, ist am Wochenende Opfer einer solchen Fake-News geworden. Ein Unbekannter schob ihr so ein frei erfundenes Zitat zum Mord an einer Freiburger Studentin unter, den nach bisherigem Ermittlungsstand ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling begangen hat: "Der traumatisierte Junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen", hieß es samt Rechtschreibfehler in dem angeblichen Künast-Zitat. Wie ein Lauffeuer verbreitete es sich im Internet, hämisch kommentiert von AfD- und Pegida-Anhängern. Künast stellte Strafanzeige gegen Unbekannt.

Aus Satire ist bitterer Ernst geworden

Willkommen im postfaktischen Zeitalter: Lügen erscheinen glaubwürdiger als Fakten, wenn sie ins eigene Weltbild passen. In der Informationsflut der neuen digitalen Welt fehlt eine Instanz, die Falschmeldungen aussiebt. "Inhalte überwinden" war einst das Motto der Spaßpartei "Die Partei". Die Satire ist bitterer Ernst geworden. Jeder kann alles behaupten und verbreiten − unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte "postfaktisch" zum Wort des Jahres. Auch mit erfundenen Nachrichten wird Stimmung gemacht gegen das Establishment, gegen Minderheiten, gegen den politischen Gegner. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sah sich kürzlich genötigt, den Vorwurf zurückzuweisen, sein Unternehmen habe mit der Verbreitung von Falschmeldungen den Wahlsieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen erst ermöglicht. Der Schweizer Philosoph Eduard Kaeser spricht von einer "Demokratie der Nichtwissenwollengesellschaft". Beispiele von Hetze und Verleumdungen mit Falschmeldungen:

"Fall Lisa":

Vor fast einem Jahr, am 16. Januar 2016, verbreitete der staatliche russische Kanal "Perwij Kanal" die Meldung einer angeblichen Vergewaltigung der 13 Jahre alten Schülerin Lisa aus Berlin-Marzahn. Die Täter seien Südländer, vermutlich Flüchtlinge gewesen, hieß es. Als Paradebeispiel für die Gefahr für Kinder, die von der deutschen Asylpolitik ausgehe, kursierte die Erzählung auch in "Alternativmedien" und sorgte für Proteste in vielen Städten − auch in Heilbronn. Nur: Die Vergewaltigung hat es nie gegeben. Das Mädchen rechtfertigte sein Fernbleiben von zu Hause mit dieser Schutzbehauptung.

Der Papst als Trump-Fan:

Eigentlich hatte Papst Franziskus im Februar seine Meinung über Donald Trump kundgetan. Wegen dessen diskriminierenden Aussagen über mexikanische Einwanderer halte er den damaligen Präsidentschaftsbewerber nicht für einen Christen, sagte Franziskus. Trotzdem verbreitete sich die Falschmeldung, der Papst unterstütze Trump als Präsidentschaftskandidaten, auf Facebook etwa eine Million Mal. Wie so oft ist unklar, wer die Lüge in die Welt hinausposaunte.

"Pizzagate":

Handfeste Konsequenzen hatte die Falschmeldung, die Washingtoner Pizzeria "Comet Ping Pong" sei ein geheimer Treffpunkt eines Rings von Kinderschändern um US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und ihren Wahlkampfmanager John Podest. Ein Mann aus North Carolina wollte der "Geschichte auf den Grund" gehen, wie er später zu Protokoll gab. Er stürmte schwer bewaffnet das Restaurant, bedrohte die Gäste und suchte nach einem angeblich unterirdischen Tunnelversteck, das es freilich nicht gab. Als "Pizzagate" titelten US-Medien den Vorfall.

Der erfundene Grüne:

Tobias Weihrauch heißt der vermeintliche Jungpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen. Auf seinem Facebook-Profil warnte er vor einem Erstarken des Rechtspopulismus in Europa und gab dann Einblicke in eine schräge Gedankenwelt: Um ein Erstarken der AfD zu verhindern, "müssen wir bis zur nächsten Wahl unser Bestes geben und so viele Afrikaner und Syrer wie möglich in unser Land holen". Das Logo der Grünen als Facebook-Hintergrundbild sollte dem Profil Glaubwürdigkeit verschaffen. Die Hetze im Netz gegen die Grünen ließ nicht lange auf sich warten. AfD-Ortsverbände teilten das Bild, der Rechtspopulist Akif Pirinçci sparte auf Twitter nicht mit Häme über die vermeintliche Naivität der Grünen. Doch der Account war gefälscht. Den Grünen-Politiker Tobias Weihrauch gibt es nicht. Das Bild zeigt einen Fotografen aus Hessen, der mit der Aktion nichts zu tun hatte.

Gift-CDs:

Über den Kurznachrichtendienst WhatsApp verbreitete sich kürzlich die vermeintliche Gefahr durch Gift-CDs mit Koranbotschaften auf der Hülle, die auch in einigen Städten der Region in Briefkästen eingeworfen worden seien. Eine dazu verschickte Tonbotschaft warnte vor dem Öffnen der Sendung. Darin befänden sich Viren, mehrere Personen seien schon ins Krankenhaus gekommen. Die Polizei Heilbronn klärte über ihre Facebookseite auf: Es handele sich um eine Falschmeldung. "Lasst euch bitte nicht ins Bockshorn jagen." Oft sind Muslime das Ziel der Hetze mit falschen Tatsachen.

Trump verhöhnt seine Wähler:

Um eine Beleidigung seiner politischen Gegner ist Donald Trump nicht verlegen. Seine Wähler jedoch nahm der Milliardär immer in Schutz. Seit der Bekanntgabe seiner Präsidentschaftskandidatur geistert jedoch ein Meme durch die Sozialen Medien, das eine angebliche Aussage Trumps aus dem "People"-Magazin im Jahr 1998 wiedergab. Sollte er je kandidieren, hieß es in dem erfundenen Zitat, dann als Republikaner. "Das ist die dümmste Gruppe von Wählern im Land. Die glauben alles auf Fox News. Ich könnte lügen und sie würden es dennoch glauben. Ich glaube meine Chancen stünden gut." Auch Trumps Gegner setzten offenbar auf Rufmord-Kampagnen.

Selfie mit Terrorist:

Dass Kanzlerin Angela Merkel Selfies mit Flüchtlingen gemacht hat, ist bekannt. Dass sie sich dabei mit dem Attentäter der Anschläge von Brüssel, Najim Laachraoui, ablichten ließ, ist hingegen eine dreiste Lüge. Doch genau diese Meldung verbreiteten die Facebook-Seite Anonymous Kollektiv und einige russische Medien. Richtig ist: Die Kanzlerin ließ sich mit dem unbescholtenen Syrer Anas Modamani ablichten, der tatsächlich eine Ähnlichkeit mit Laachraoui besitzt. Doch je größer das Feindbild, desto nebensächlicher werden Fakten.

 

 

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